Eugen Ruge: »Follower«

Als es ihm endlich gelungen war, die Starre des Halbschlafs zu überwinden, die Finger und schließlich den ganzen Arm zu bewegen und den Lichtschalter zu betätigen, den er instinktiv schräg hinter sich gesucht hatte, sah Schulz im Schein einer total veralteten OLED-Lampe:
das Fußende eines riesigen Doppelbetts, unter dessen aufgeworfener Bettdecke seine Füße zu vermuten waren,
dahinter einen Bildschirm, auf dem eine weiße Fliege umherrschwirrte, […]

Wir befinden uns im Jahre 2055. Nio Schulz ist auf Geschäftsreise in China, wo er an seinem 39. Geburtstag in einem Hotelzimmer erwacht und sich zunächst orientieren muss. Schon bald hat er einen wichtigen Termin, er soll einem möglichen Geschäftspartner einen Laufschuh vorstellen, der einem das Gefühl des Barfußlaufens gibt. Bis zum Termin gehen ihm jedoch tausend Gedanken durch den Kopf und am Ende verschwindet er vom Überwachungsradar, weil er sich seiner technischen Geräte entledigt, die ihn auffindbar machen. Er wird von den Behörden des Terrorismus verdächtigt und zur Fahndung ausgeschrieben.

Eugen Ruge hat sich in seinem dritten Roman auf das Terrain der Science-Fiction vorgewagt. Den Zeitsprung ins Jahr 2055 verdeutlicht er an unzähligen technischen Errungenschaften, von denen jedoch etliche einer Erklärung bedürfen. Von Beginn an wird der Leser mit Lampen mit organischer Leuchtdiode konfrontiert, mit der weißen Fliege, die eine Art Uhr ist, mit Weltmarken, die UNIVERSE heißen oder Google, mit neuartigen Medikamenten gegen Depression und andere Leiden der Zukunft. Die Glass-Brille ist eine Weiterentwicklung der heute schon erhältlichen OLED- oder VR-Brillen, die dem Nutzer ständig Informationen und Werbung einblenden. Unter den technischen Neuigkeiten gibt es viele, die an heutige Zeiten erinnern (sogar ein vorsintflutliches Schnurtelefon taucht im Hotelzimmer auf), andere sind gänzlich neu, und insgesamt gesehen nehmen diese Beschreibungen einen zu großen Raum im Roman ein, weil sie lediglich dazu dienen, die Illusion der Zukunft zu entwerfen. Schon nach fünf Seiten ist deutlich, dass Big Data die Zukunft bestimmt.

[…] einzig die Fliege, die, eine schwach bläulich leuchtende Spur hinterlassend, durch die Dunkelheit glitt, um auf enervierend vorhersehbare Weise gegen die Ränder des Bildschirms zu prallen, und die, wie Schulz wusste, in Wirklichkeit keine Fliege war, sondern die Uhrzeit, vorausgesetzt, man war nicht leicht weitsichtig oder hatte seine Brille auf […]

Denn auf der Strecke bleibt eine intensivere Charakterisierung des Protagonisten Nio, der ein durchschnittlicher Mensch ist, wie aus den an den Anfängen der Kapitel eingeschobenen Berichten des Bundeskriminalamts und der EUSAF (European Security and Anti-Terror Facilities) hervorgeht. Der Aufbau des Romans ist tatsächlich ungewöhnlich: Nio wird in 14 Kapiteln beschrieben, und jedes Kapitel ist genau einen Satz lang, der sich über viele Seiten erstreckt. Die Satzkaskaden und Aneinanderreihungen gelingen fast immer, nur manchmal wäre zwischendurch ein Schlusspunkt angebrachter, weil die Gedankensprünge zu groß werden. Ansonsten ist die Sprache nicht spektakulär und besticht nicht durch besondere Eigenheiten. Es ist ein ruhiges Dahinfließen, das durch Beschreibungen technischen Fortschritts aufgepeppt wird, aber nicht wirklich überzeugt.

Denn Nios Beweggründe werden nicht klar, man erfährt nicht wirklich, was er denkt, wie er sich fühlt, und genau das wären die interessantesten Fragen, die sich der Roman stellen sollte: Wie geht es den Menschen in knapp 40 Jahren, wie sehr werden sie von elektronischen Medien und den Möglichkeiten von Big Data beeinflusst und kontrolliert? Wie steht es um die Freiheit des Individuums im Jahre 2055? Wir erfahren nur, dass es trotz weitgreifender Überwachungsmöglichkeiten eine große Diskrepanz gibt zwischen angeblichem Wissen und der Realität: Nio wird als Terrorist eingestuft, dabei ist er nur jemand, der angesichts der technischen Dominanz völlig orientierungslos wird und nicht weiß, wer er ist, was er will. Sein Ausbruch aus dem vorgegebenen Gefüge ist dem Zufall zu verdanken, nicht einer internen Ablehnung des Systems gegenüber, keinem Hinterfragen, keiner durchdachten und begründeten Haltung. So wird der gesamte Roman zu einem Zufallsprodukt und nicht zu einer Beschreibung futuristischer Zustände.
Zwei andere Themen werden ebenfalls zu sehr beleuchtet: Zum einen nimmt die Sexualität einen zu großen Stellenwert im Roman ein. Ständig muss Nio an seine Beziehung zu Sabena, seiner Geliebten, denken, oder es ist von anderen sexuellen Gedanken und Praktiken die Rede. Zum anderen die immer wiederkehrende Thematisierung der Sprache, die besonders political correct sein soll. Der eingestreute Humor kann das Beharren auf die Themen auch nicht vertuschen.

[…] fragte sich Schulz, während er mit seifiger Hand die Beschaffenheit seiner mühsam am Kabelzug trainierten Pobacken prüfte, aber er fand auch seine mühsam am Kabelzug trainierten Pobacken ziemlich in Ordnung, er fand sie wohlgeformt, ja, er fand seine mühsam am Kabelzug trainierten Pobacken insgeheim sogar sexy, was ihn auf den Gedanken brachte, dass das Gefallen am eigenen männlichen Körper, das ja einen eindeutig homoerotischen Aspekt hatte, gar nicht masku sein konnte, infolgedessen wäre auch das Gefallen am eigenen männlichen Körper politisch korrekt, kurz p.c. oder, wie es in Schluz´ Kopf klang: pisi […]

Ein Kapitel sticht jedoch vollkommen heraus. Es trägt den Titel »Genesis/Kurzfassung« und handelt von der Geschichte des Universums seit dem Urknall bis zum Protagonisten Nio Schulz. In diesem Kapitel schlägt Ruge ein unheimliches Tempo an und schreibt sich auf 50 Seiten durch Jahrmilliarden. In diesem Exkurs ist die Kunstfertigkeit des Autors zu spüren, seine Sprachmacht und die Fähigkeit, eine Geschichte gut zu erzählen. Leider jedoch währt dieser Exkurs nicht allzu lange, und wir finden uns schon bald wieder bei Nio Schulz im Jahre 2055.
Fazit: Das eingeschobene Kapitel »Genesis/Kurzfassung« ist richtig gut, der Rest zäh und eher wie Schwarzbrot zu verdauen. Ich empfehle Ruges Erstling »In Zeiten des abnehmenden Lichts«, für den er 2011 den Deutschen Buchpreis erhalten hat. Dieser Roman ist ungleich besser.

Follower
von Eugen Ruge

320 Seiten, € 22,95
(gebunden)

ISBN 978-3498058050
erschienen bei Rowohlt

» Leseprobe

rezensiert von

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.