Sándor Márai: »Befreiung«

In der dritten Nacht nach dem Neujahrstag – am vierundzwanzigsten Tag der Belagerung Budapests – fasste eine junge Frau im Schutzraum eines großes Mietshauses in der Innenstadt den Entschluss, aus dem belagerten Haus zu verschwinden, die zum Kriegsschauplatz umgestaltete Straße zu überqueren und, egal wie und um jeden Preis, in die zugemauerte Nische des Luftschutzkellers im gegenüberliegenden Haus zu gelangen zu dem Mann, der mit fünf weiteren schon die dritte Woche in diesem Versteck bangte.

Budapest kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges: Die Menschen haben sich längst an den Kriegsalltag gewöhnt, sie haben zu leben gelernt mit den deutschen Soldaten in den Straßen und mit den Granatsplittern, die tagtäglich irgendwo in der Stadt einschlagen. Immer wieder sieht man einen Toten in irgendeinem Torbogen liegen, und man denkt nicht weiter über ihn nach und hastet weiter. Das Leben geht schließlich weiter, solange man selbst noch eines hat.
Als die Rote Armee in der ungarischen Hauptstadt einmarschiert, wird es schließlich doch wirklich ernst. Luftalarm, die Menschen raffen ihr nötigstes Hab und Gut zusammen und suchen Schutz im nächsten Keller. Eine von diesen Schutzsuchenden ist die junge Erzsébet, deren Vater die Nazis liebend gern in die Hände bekommen würden. Sie hat sich falsche Papiere besorgt und ist seit Wochen in irrer Sorge um das Wohl ihres Vaters, den sie von Versteck zu Versteck lotst.

24 Tage müssen die Menschen im Keller verbringen, 24 Tage, in denen sie auf die Befreiung durch die Russen warten. Als die Erlösung gekommen ist, ist Erzsébet die letzte, die den Keller verlässt – der Tag der neuen Freiheit trifft sie mit einem unerwarteten Ereignis.

Die Belagerung und der Krieg sind nur Folgen. Aber was nicht mehr lange dauern kann, was bald zu Ende sein wird, was tatsächlich unerträglich ist und deshalb nicht ewig dauern kann, ist der Hass. Das Funkeln in den Augen der Menschen.

Márais Roman erzählt nicht die Geschichte eines Krieges, sondern liest sich vor allem auch wie ein Monolog mit der Welt. Es passiert nur sehr wenig, sodass all das großteils fast zur Bestandsaufnahme der Angst wird. Erzsébet spielt in dieser Geschichte weder Heldin noch Opfer, sie ist zwar der Mittelpunkt, der alles zusammenhält, nimmt sich gleichzeitig aber oft auch so sehr zurück, dass sie für kurze Zeit fast zu verschwinden scheint.

Stilistisch unterscheidet sich der Roman für mich stark von Márais übrigen Geschichten: Von seiner ansonsten so ausdrucksstarken, tief bohrenden Romantik ist hier kaum etwas zu spüren, und dennoch ist »Befreiung« voll von flammendem Lebenswillen und nicht nur ein bloßer Kriegsbericht.
Sándor Márai erzählt all das nüchtern und beinahe distanziert, mit einer Ruhe und Kühle, die in ihrer Absolutheit keinen Widerspruch duldet. Da steckt hinter jedem Satz eine so bedingungslose Überzeugung, dass es einem schon unbehaglich werden kann beim Lesen. Und das ist selten geworden.

Befreiung
von Sándor Márai

194 Seiten, € 8,95

ISBN 978-3492272094
erschienen bei Piper

rezensiert von

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