Nicolas Barreau: »Eines Abends in Paris«

Eines Abends in Paris, es war etwa ein Jahr, nachdem das Cinema Paradis wieder eröffnet worden war, und genau zwei Tage, nachdem ich das Mädchen im roten Mantel zum ersten Mal geküsst hatte und voller Unruhe unserer nächsten Begegnung entgegenfieberte, passierte etwas Unglaubliches.

Alain, hoffnungslos romantischer Junggeselle und erklärter Filmliebhaber, betreibt ein kleines Programmkino in Paris, wo es kein Popcorn zu kaufen gibt und die Wände von alten Postern in schwarzweiß geziert werden. Das Geschäft läuft schleppend, doch Alain ist weniger aufs Geldverdienen aus als vielmehr darauf, die Menschen mit seiner Liebe zum Film anzustecken.
Eines Tages tritt Mélanie in Alains Leben, „das Mädchen im roten Mantel“, und Alain verliebt sich über beide Ohren in die Frau, die ihm mit ihrer unnahbaren Anmut von der ersten Sekunde an den Kopf verdreht. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten kommen sich die beiden schnell näher, doch das junge Glück wird auf eine harte Probe gestellt, als das Cinema Paradis zum Schauplatz von Dreharbeiten für eine große Filmproduktion wird.

Der magische Moment, der jedem guten Film innewohnt, schien sich in ihren Augen zu spiegeln. Getragen von Bildern, die größer waren als sie selbst, berührt von Gesten, die mit zärtlichen Fingern unmerklich Spuren durch ihre Herzen gezogen hatten, bereichert durch Sätze voller Wahrhaftigkeit, die man wie eine Handvoll Diamanten nach Hause tragen konnte, kamen die Zuschauer aus dem Kinosaal.

»Eines Abends in Paris« ist eine Geschichte, die an Banalität und konstruierter Ideenlosigkeit kaum zu überbieten ist. Die Pariser Kulisse wird ohne Rücksicht auf Verluste und mit gnadenloser Lust zum Kitsch ausgeschlachtet, wo es nur geht: Damit der Leser auch ja nicht vergisst, dass wir uns hier in Paris befinden, trinken die Figuren selbstverständlich keinen Kaffee, sondern ausschließlich café. Es wird in Bistros herumgesessen (gern auch täglich, das macht man hier halt so) und Rotwein geschlürft (was auch sonst), über die Champs-Elyssées promeniert und verträumt aufs Wasser geblickt. Diese Klischees werden dem Leser bei jeder Gelegenheit um die Ohren gehauen und tragen niemals zur Geschichte bei.
Vor dieser verkrampften Kulisse ist kein Platz für glaubwürdige Figuren. Die Charaktere wirken hölzern und dummbräsig, insbesondere Alain ist ein unglaubwürdiges Abziehbild eines gescheiterten Romantikers und muss folgerichtig jedes Stadium hoffnungsloser Liebesbemühungen durchleben. Da wird verzweifelt durch nachtleere Straßen geschlendert und sich in schwülstigen Gedanken verloren, da wird geweint, resigniert, der Kopf hängen gelassen und alle Hoffnung verloren.
Natürlich dürfen auch Missverständnisse und konstruierte Verwachslungsgeschichtchen nicht fehlen (hoppla!), da werden Wiedergutmachungsblumen überreicht und Männergespräche geführt; Alains bester Freund ist Astrophysiker und notorischer Frauenheld, logischer Verstand meets nostalgisches Träumertum – hallo, Zaunpfahl.

Insgesamt ist »Eines Abends in Paris« eine Beleidigung für jeden Leser, der auch nur ansatzwiese einen Anspruch an gute Geschichten oder zumindest gut erzählte Geschichten hat.

Eines Abends in Paris
von Nicolas Barreau

übersetzt von Sophie Scherrer

368 Seiten, € 18,00
(gebunden)

ISBN 978-3851791778
erschienen bei Thiele Verlag


» bei ocelot, kaufen

rezensiert von

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.