Alina Bronsky: »Scherbenpark«

Manchmal denke ich, ich bin die Einzige in unserem Viertel, die noch vernünftige Träume hat. Ich habe zwei, und für keinen brauche ich mich zu schämen. Ich will Vadim töten. Und ich will ein Buch über meine Mutter schreiben.

Sascha ist 17, Tochter russischer Einwanderer, kam im Alter von 10 Jahren nach Deutschland und wohnt im „Solitär“, einem Betonklotz, in dem hauptsächlich Aussiedlerfamilien leben. Vadim, den Sascha töten will, ist ihr Ex-Stiefvater, der, nachdem sich Saschas Mutter nach einer qualvoll langen Zeit endlich von ihm getrennt hatte, die Mutter und deren neuen Freund aus Eifersucht erschoss. Übrig geblieben sind Sascha und ihre jüngeren Geschwister Anton und Alissa, alle drei nun ungewollte Berühmtheiten der Lokalpresse. Als diese einen Artikel über den Mörder Vadim veröffentlicht, in dem er als bereuende, geläuterte Person dargestellt wird, läuft Sascha Sturm.

An diesem Morgen bleibt mir das Herz stehen, nur kurz, um schneller wieder anzuspringen und hoch in die Kehle zu rutschen und dort loszuzappeln wie ein Vogel in der Falle. Ich schnappe nach Luft und versuche zu schlucken, um das Herz an seinen rechtmäßigen Ort zurückzudrücken.

Über Umwege lernt Sascha den Lokalredakteur Volker und seinen Sohn Felix kennen und zu beiden entwickelt sich, schneller als man vermuten würde, eine seltsam innige Beziehung.
Die sehr eindringliche Sprache der Protagonistin pendelt im Erzählstil stetig zwischen vollkommener Abgeklärtheit und blinder Wut, dem Verschwinden im „grauen Nebel“, wie Sascha es nennt. Auch die Handlung wirkt wie ein Drahtseilakt zwischen diesen beiden Polen, zwischen den Abgründen häuslicher Gewalt, Misshandlung und Mord und dem Versuch, dieses zerstörte Leben zu flicken und die schönen und tröstenden Seiten an ihm zu finden.

Das ist so eine Art Rätsel, denke ich. Eine Birne, eine Banane, ein Apfel und eine Motorsäge. Welcher Gegenstand passt nicht zu den anderen drei?
So ein grauer Nebel ist eigentlich ganz schön, denke ich. Überhaupt ist Grau eine schöne Farbe. Sie wurde lange unterschätzt und vernachlässigt und hatte einen schlechten Ruf. Aber ich habe vor, mich mit ihr anzufreunden.
[…] Die Motorsäge ist die richtige Antwort. Sie ist das Einzige im Quartett, das nicht fault.

Stets präsent ist in diesem Roman auch der Aspekt des „Migrationshintergrundes“. Anders als die anderen Kinder und Jugendlichen in ihrem Viertel geht Sascha auf ein privates Gymnasium, das sie wohl wegen ihrer hohen Begabung annahm – oder „um ein bisschen Integration zu proben“, wie Sascha vermutet. Sie passt sich an, lernt schnell deutsch, ist sehr gut in der Schule und bleibt trotzdem Außenseiterin. Ihre Großtante, die sich nach dem Tod der Mutter rührend um die Kinder kümmert, kann im Gegensatz zu Sascha kaum ein Wort Deutsch und scheint deshalb bei jedem Kontakt mit Fremden vor Angst fast zu zerspringen .
Bisweilen ist die Schilderung der Menschen im „Solitär“ recht klischeebehaftet. Auch das gewollt wirkende Zusammentreffen Saschas mit einem schüchternen Neonazi hätte nicht unbedingt sein müssen, wenngleich es auf eine interessante Art gelöst wird. Trotzdem ist „Scherbenpark“ ein sehr eindrucksvoller Debütroman, der gerade durch seine Sprache, die vordergründig schlicht und einfach wirkt, sehr in die Tiefe von Saschas Psyche abtaucht und diese einfühlsam und glaubwürdig darstellen kann.

Scherbenpark
von Alina Bronsky

304 Seiten, € 8,99

ISBN 978-3462041507
erschienen bei Kiepenheuer & Witsch

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