Terry Pratchett: »Mummenschanz«

Wind heulte. Gewitter prasselte und krachte über den Bergen. Blitze tanzten über die Gipfel wie ein alter Mann, der versuchte, einen widerspenstigen Brombeerkern aus seinem Gebiss zu entfernen.

Terry Pratchetts »Scheibenwelt« dürfte wohl auch vielen Lesern ein Begriff sein, die es ansonsten nicht so mit dem Fantasy-Genre haben: Der erste Roman der Serie erschien Mitte der Achtziger auf deutsch, inzwischen sind ihm über dreißig weitere Geschichten gefolgt. Die herrlich schräge Welt, die von vier riesigen Elefanten getragen wird, die wiederum auf dem Rücken einer noch riesigeren, durch das Universum treibenden Schildkröte stehen, hat schon längst Kultstatus erreicht.
Pratchett bedient sich dabei überall, wo er geeignetes Material findet, sei es Fantasyfilm oder Religion. Er parodiert das Genre bis ins kleinste Detail, und man entdeckt fast in jedem Buch wieder Dinge und Charaktere, die einem irgendwie bekannt vorkommen. – Doch so brüllend komisch seine Einfälle und Umschreibungen größtenteils sind, so glaubhaft ist auch das Fundament, das er unter die einzelnen Episoden setzt. Es ist ihm gelungen, eine in sich glaubhafte Welt zu erschaffen, die zwar in erster Linie lustig und bizarr ist, in der aber ebenso häufig auch ernste Themen verarbeitet werden. Dieser gekonnte Spagat zwischen Ernsthaftigkeit und Ulknudelei ist wohl der Grund, warum ihn seine Fans so lieben. Und natürlich die absolut liebenswerten Charaktere, die immer wieder auftreten und für den Leser schon nach ein paar Romanen schnell zu einer Art Familie werden.
Einer von diesen Charakteren ist Nanny Ogg:

»Guten Morgen«, sagte sie und kramte in ihrem großen Beutel. »Ich bin Gytha Ogg, ich habe fünfzehn Kinder, das ist meine Freundin Esme Wetterwachs, wir fahren nach Ankh-Morpork, möchte vielleicht jemand ein Eibrötchen? Hab genug mitgebracht. Der Kater hat auf den Dingern geschlafen, aber es ist alles in Ordnung damit, seht nur, sie lassen sich wieder in die ursprüngliche Form biegen. Nein? Wie ihr wollt. Was haben wir denn sonst noch … ? Ah, hat jemand einen Öffner für eine Flasche Bier?«
Ein in der Ecke sitzender Mann gab zu erkennen, dass er vielleicht über ein entsprechendes Werkzeug verfügte.
»Gut«, sagte Nanny Ogg. »Hat jemand etwas, aus dem man eine Flasche Bier trinken kann?«
Ein anderer Mann nickte hoffnungsvoll.
»Ausgezeichnet«, kommentierte Nanny Ogg. »Und hat jemand eine Flasche Bier?«

»Mummenschanz« jedenfalls ist die Geschichte von der jungen Agnes Nitt, die ihr kleines und beschauliches Heimatdorf verlässt, um in der großen Hauptstadt ihr Glück als Opernsängerin zu suchen. Ihrer außergewöhnlichen Stimme (und nicht etwa ihrer Erscheinung, denn davon gibt es etliche Kilo zuviel) hat sie es zu verdanken, dass sie auch prompt als Sängerin engagiert wird. Wirklich zufrieden stellt sie diese Aufgabe allerdings nicht; auf die Bühne lässt man sie nur, um Christine ihre Stimme zu leihen, die zwar reichlich dumm und unbegabt ist, dafür aber über etwas verfügt, was Agnes völlig abgeht: Gutes Aussehen. Zu allem Überfluss treibt in der Oper ein Geist sein Unwesen, der sich außerdem dadurch auszeichnet, dass er ihm unliebsames Personal einfach schnell und endgültig aus dem Weg räumt.
Mitten in diesem Chaos treffen Nanny Ogg und Oma Wetterwachs an der Oper ein. Oma ist der festen Überzeugung, dass es Agnes‘ Bestimmung ist, eine Hexe wie sie zu werden, und will sie daher zurück nach Hause holen. Als die beiden vom Operngeist erfahren, überschlagen sich die Ereignisse, denn so ein Spektakel können sich die beiden natürlich nicht entgehen lassen.
Als die beiden wieder den Heimweg antreten, ist im Opernhaus nichts mehr so, wie es vorher war.

Die Ladenglocke läutete auf vornehme Art. Sie schien so vulgäre Dinge wie einfaches ›Bimmeln‹ abzulehnen. Vermutlich wäre ihr ein dezentes Hüsteln am liebsten gewesen.
Dies war das nobelste Bekleidungsgeschäft in Ankh-Morpork. Einen deutlichen Anhaltspunkt für diesen hohen Status bot die offensichtliche Abwesenheit von Ware. Nur einige teure Einzelstücke wiesen auf die zur Verfügung stehenden Möglichkeiten hin.

Richtig geraten: Das klingt stark nach dem »Phantom der Oper«, und natürlich ist dieses Buch gerade deshalb besonders für Theater- und Opernfreunde ein wahres Highlight. Pratchett scheint ein sichtliches Vergnügen daran zu haben, die Opernwelt mal ordentlich durch den Kakao zu ziehen, und das macht er verdammt gut. Die Lektüre ist ein ziemlicher Spaß, der bei den skurrilen Figuren (wie dem neuen Eigentümer Herrn Eimer, der eigentlich aus dem Käsegeschäft kommt) beginnt und bei den herrlichen Umschreibungen und Wortspielen noch längst nicht aufhört.
Sicher, große Literatur war und wollte das nie sein. Aber das ist in Ordnung! – Dafür ist es nämlich allerbeste und gekonnte Unterhaltung für zwischendurch, ohne dabei dumm sein zu müssen.

Mummenschanz
von Terry Pratchett

übersetzt von Andreas Brandhorst

352 Seiten, € 8,95

ISBN 978-3442452606
erschienen bei Goldmann

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Ein Kommentar zu “Mummenschanz”

  1. Ich fand die „Phantom der Oper“-Anlehnungen immer etwas zu überdeutlich, weshalb dieser Roman es wohl nie in die Liste meiner liebsten Scheibenwelt-Geschichten schaffen wird. Ansonsten weiß Pratchett aber auch hier natürlich großartig zu unterhalten.

    Ich fand es nur ein wenig schade, dass Agnes Nitt zwischen Oma Wetterwachs und Nanny Ogg auch in den späteren Geschichten stets etwas zu blass blieb. Ist bei zwei derartigen Persönlichkeiten aber vermutlich unumgänglich.

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