John Banville: »Die See«

Sie sind gegangen, die Götter, am Tag dieser eigentümlichen Flut. Den ganzen Morgen, unterm milchigen Himmel, war das Wasser der Bucht immer weiter angeschwollen, zu unerhörter Höhe, und die kleinen Wellen krochen über den ausgedörrten Sand, der seit Jahren nicht mehr durchnässt worden war, außer vom Regen, bis an die Dünen krochen sie und leckten ihnen die Füße.

Der Kunsthistoriker Max Morden erträgt den Leidensdruck nach dem Krebstod seiner Frau nur schlecht und flieht deshalb zurück in das Küstenstädtchen seiner Kindheit. Dort traf vor vielen Jahren auf die Familie Grace, die damals das Haus »The Cedars« für den Sommer bewohnten, während er mit seiner Familie in einem heruntergekommen »Chalet« lebte. Sowohl mit den Zwillingen Myles und Chloe als auch mit Mrs. Grace verbindet ihn bereits nach kurzer Zeit mehr als eine Ferienfreundschaft und er beginnt sich regelrecht mit ihren Persönlichkeiten zu verstricken.

Wir traten hinaus in den Tag, als beträten wir einen neuen Planeten, auf dem sonst niemand lebte, nur wir.

John Banville schreibt in überaus poetischer Prosa einen Roman, der sprachlich wohl ein literarisches Kleinod zu nennen ist. In glasklaren Bildern stellt er geschickt die Krankheit seiner Frau bis zu ihrem Tod und den Sommer mit der Familie Grace gegenüber. Oftmals folgt mehreren Seiten einer Sommer-Episode eine nur zeilenlange, aber ausdruckstarke Fotografie seiner mit dem Tod kämpfenden Frau Anna, sodass der Einfluss der Vergangenheit auf Max‘ weiteres Leben mehr als deutlich wird. Die Wirkung des Romans liegt jedoch wohl auch zu einem beträchtlichen Teil in den Dingen, die sich hinter den lesbaren Geschehnissen verbergen.

Nichtsdestoweniger glaubt man in all diesen unglaublich klar gezeichneten Worten ein Déja-Vu zu erleben. Die innere Zerrissenheit der Charaktere, ihre Marotten, ihr Sadismus scheinen bereits bekannt, sodass man stellenweise glaubt, einen Zusammenschnitt gelesener Bücher vor sich zu haben. Sexuelle Komponenten erinnern oft nahezu überwältigend an Romane wie »Abbitte« von Ian McEwan, sodass man sich letzten Endes wünscht, Banville hätte mit seinem Talent eine andere Geschichte geschrieben. Lesens- und empfehlenswert ist »Die See«, das 2005 mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet worden ist, jedoch mit Sicherheit.

Die See von John Banville

Die See
von John Banville

übersetzt von Christa Schuenke

224 Seiten, € 7,95
(broschiert / kartoniert)

ISBN 978-3442463817
erschienen bei Goldmann

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