Judith Hermann: »Alice«

Aber Micha starb nicht. Nicht in der Nacht vom Montag zum Dienstag, auch nicht in der Nacht vom Dienstag zum Mittwoch, möglicherweise würde er am Mittwoch abend sterben oder in der Nacht zum Donnerstag.

Judith Hermann hat die einzelnen Geschichten ihres inzwischen dritten Buches mit Männernamen überschrieben. Hier und da verzahnt sie die einzelnen Episoden durch kleine Details miteinander; was aber alle fünf Geschichten zusammenhält, ist eben Alice, die mit dem Tod der fünf Männer konfrontiert wird.
Die Geschichten führen Alice in ein Krankenhaus irgendwo in der Provinz und nach Italien, die Verstorbenen sind alte Freunde oder Liebhaber von Alice. In der einen Geschichte geht es um ihren jetzigen Freund, in der anderen wiederum um alte Bekannte, die sie – so scheint es – schon beinahe wieder aus den Augen verloren hatte, die aber einmal sehr wichtig waren im Leben von Alice (und es im Nachhinein wohl auch noch immer sind). In einer dieser Episoden dreht sich alles um einen längst verstorbener Onkel, dessen inzwischen schon lange zurückliegender Tod sie aber heute, Jahre später, auf wundersame Art wieder einholt und beschäftigt. Dieser Onkel hieß Malte, und die gleichnamige Geschichte ist wohl auch die stillste und zurückhaltendste von allen, eben weil dieser Onkel im Leben von Alice immer nur als Phantom existiert hat.

Alice sah zu Richards geschlossenen Fenstern hoch und dachte, in einem Bett in einem Zimmer in dieser Wohnung in diesem Haus in dieser Straße liegt einer, den ich kenne, und stirbt. Alle anderen machen was anderes. Das zu denken, war so ähnlich, wie ein Gedicht aufzusagen. Worte von einem anderen, nichts, was man begreifen könnte.

Von Alice selbst erfährt man als Leser nur wenig, sie scheint keine wirkliche Rolle in diesen Geschichten zu spielen. Manchmal wirkt es auch ein wenig so, als sei der Tod dieser fünf Männer nur Kulisse: Judith Hermann ergeht sich auffallend oft in bloßen Beschreibungen und Beobachtungen des Alltäglichen – und das kann sie verdammt gut, wie man auch schon in ihren ersten beiden Büchern bemerken konnte.

Schade ist nur, dass all diese Geschichten auf Alice selbst keinerlei Auswirkungen zu haben scheinen. Diese Toten verändern Alice nicht, sie bleibt durchweg ungreifbar, beinahe farblos. Von ihr geht keinerlei Rührung und Regung aus.
Auch sprachlich wirken die einzelnen Geschichten im Vergleich zu ihren Vorgängern aus »Sommerhaus, später« und »Nichts als Gespenster« träge und unmotiviert. Die Sätze kommen ohne tiefere Bedeutung daher, nichts lädt zum wiederholten Nachlesen ein. Die Situationen wirken größtenteils allzu konstruiert und bemüht, alles, was Judith Hermann erzählt, kratzt höchstens an der Oberfläche und geht nicht tief genug. Die Sentimentalität, die man bei einem solchen Leitmotiv vielleicht erwarten würde, bleibt größtenteils gänzlich aus.
Natürlich wirkt die sprachliche und erzählerische Nüchternheit auch oft genug hervorragend als Unterstreichung dessen, was passiert (oder eben gerade auch nicht passiert). Der Tod dieser Männer scheint Alice im Großen und Ganzen dennoch kaum zu berühren. Und mir ging es leider nicht viel anders.

Alice
von Judith Hermann

192 Seiten, € 8,95
(broschiert / kartoniert)

ISBN 978-3596185450
erschienen bei Fischer

» Leseprobe

rezensiert von

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.