Helmut Krauser: »Schmerznovelle«

Man begann sehr bald nach meiner Ankunft, mich auf das Ehepaar Palm hinzuweisen, mit Anspielungen, die das Wesentliche dessen, weshalb ich sie den unbedingt kennen lernen müsse, aussparten.

Ich mag an Krausser den Spagat zwischen schnoddriger Ekelthematik und dem ausgeprägten sprachlichen Niveau, auf dem er eben diese Dinge verarbeitet. Ich mag nicht: Pathologische Krimis.
In dieser Hinsicht war die Auswahl des Romans ein Glücksspiel, ein Krausser-Krimi eben. Ich wollte wissen, ob ein begnadeter Autor es schafft, mit meinen Vorbehalten diesem Genre gegenüber aufzuräumen.

Zum Plot: Während eines Sommerurlaubs in einem noblen österreichischen Touristenausflugsziel macht der Protagonist, Arzt und angesehener Experte für sexuelle Aberrationen und Krankheiten, die Bekanntschaft von Johanna Palm. Diese Frau scheint in dem Ort eine Art bunter Hund zu sein, eine Kuriosität auf höchstem Niveau. Warum, stellt sich schnell heraus.
Johanna ist hochgradig schizophren, sie lässt ihrer Sexualität freien Lauf und ist auch ansonsten alles andere als gesund oder normal.

Ihr Mann, ein politisch hochengagierter Extremist, hat sich schon vor einigen Jahren mit Benzin übergossen und angezündet. Er hat seine Frau wie Dreck behandelt, sie geschlagen und vorgeführt wie ein Stück Vieh, was ihr allerdings nicht schlecht zu gefallen schien.
Johanna hat diesen Selbstmord zwar registriert, aber beinahe völlig verdrängt, denn ihr Mann scheint immer noch am Leben zu sein – in ihr selbst, immer wieder bricht er durch sie hindurch an die Oberfläche und stellt die Grundnahrung für ihre ausgeprägte Persönlichkeitsstörung dar.
Der Erzähler verfällt mehr und mehr der Anziehung dieser Frau: Als Arzt fasziniert ihn das beeindruckende Krankheitsbild, als Mann die sexuelle Anspannung, die von Beginn an zwischen ihnen aufflammt. Er erliegt schnell ihrem Bann, und die Beziehung zwischen den beiden nimmt immer ungewöhnlichere Ausmaße an.

Wir kamen nicht weiter. Hielten uns bedeckt. Ein Grabenkrieg. Ich wollte mit ihr schlafen. Wollte Johanna hier auf dem Eichentisch nehmen und genießen, wollte sie für mich und ein Fest mit ihr feiern, begehrte sie, träumte von dem einen gemeinsamen Höhepunkt, der alle Knoten löst, die Markierungen sprengt. Und fand den Punkt nicht, das Gleichgewicht, von dem aus alles sich von selbst und wortlos ineinander fügt.

Helmut Krausser zeichnet nicht nur ein ungemein plastisches und zugleich (oder gerade deshalb) erschreckendes Charakterbild, sondern begibt sich gleichzeitig auch auf die Spuren der Vergangenheit, rollt die Geschichte der Palms wieder und wieder von vorne auf.
Tom Tykwer bezeichnet dieses Buch als » das beste Krimipornomelodram aller Zeiten «, und diese wundervolle Beurteilung trifft den Nagel auf den Kopf. Es ist nicht nur die Sprache, die klar ist und strukturiert, schnörkellos, stellenweise sogar fast kaltherzig und fast immer distanziert; es ist vor allem das Psychogramm von Johanna, was dem Ganzen zu ungeheurer Substanz verhilft. Ich fühlte mich stellenweise beinahe an » Die Klavierspielerin « erinnert, die sexuellen Neurosen, die Johanna an den Tag legt, sind alles andere als plump oder langweilig, sondern vielmehr von einer Abgründigkeit, die ich in dieser unterdrückten Brachialität selten erlebt habe.
Schließlich steht der Leser vor einem menschlichen Scherbenhaufen, der sich mit Schließen des Buches nicht einfach zur Seite fegen lässt.

Schmerznovelle
von Helmut Krauser

144 Seiten, € 7,99
(broschiert / kartoniert)

ISBN 978-3499232145
erschienen bei Rowohlt

rezensiert von

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