Martin Walser: »Der Augenblick der Liebe«

Herr Zürn oder Herr Krall, wie hätten Sie’s gern? So fing sie an, so eröffnete sie. Gottlieb sagte: In welcher Sauce wir den Daumen, den wir lutschen müssen, vorher tunken, ist egal. Oder nicht?

„Der Augenblick der Liebe“ ist ein typischer Walser-Roman – ein Liebesroman eben. Welcher Roman von Walser ist das nicht? Nur sind die Männer im Laufe seines Schaffens stets älter geworden. Und die Romane sind verschieden gut oder schlecht. Dieser ist einer von der schlechteren Sorte.

Die Geschichte lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Ein verheirateter Mann verliebt sich in eine vierzig Jahre jüngere Frau, sie verliebt sich in ihn, er geht fremd, wünscht sich dann zu seiner Ehefrau zurück, geht in Gedanken wieder fremd usw. Er hadert mit sich und der Welt. Würde sich ein fünfzehn Jahre jüngerer Mann so verhalten, würde man von einer Midlife-Crisis sprechen. Und: Ja, ihm scheint es egal zu sein, in welche Sauce er den Daumen steckt. Am liebsten in beide.

Die Liebe wird in diesem Buch in erdenklich vielen Facetten beschrieben, doch ist nichts wirklich Neues dabei. Es scheint ein Roman zu sein, den niemand mehr braucht, der alles nur noch einmal wiederholt, was schon gesagt worden ist. Das Lesen des Buches ist ein einziger Augenblick der Langeweile. Einschlafen erlaubt.

Doch dieses Buch hat noch einen zweiten Haken: den Ausdruck. Es wäre wohl zu vermessen zu sagen, dass Walser nicht schreiben kann – denn das kann er. Aber er hat es in diesem Buch nicht besonders gut zeigen können. Neben grammatikalischen Fehlkonstruktionen („Gottlieb hatte den einzigen Rat des japanischen Arztes vergessen gehabt“) gibt es noch eine ganze Reihe von fremdsprachlichen Ausdrücken und Passagen, die nicht besonders gut eingegliedert sind. Es finden sich teilweise ganze Absätze in Französisch oder Englisch, was das Ganze für einige LeserInnen schwierig machen dürfte.

Dahinter steckt wohl die Idee, die unterschiedliche Nationalität der zwei Hauptfiguren besser herauszustellen: die junge Frau ist Amerikanerin, Gottlieb ist Deutscher. Die Verbindung zwischen den beiden, ja der eigentliche Grund, weshalb sie zueinanderfinden, ist der französische Philosoph La Mettrie. Die Idee, die drei Sprachen zu verbinden, ist im Grunde genommen recht gut, doch mangelt es an der Ausführung.

Er hatte wahrscheinlich mit nichts gerechnet beziehungsweise mit nichts als Wolken und Kulissenschieberei. Sie hatte ja auch nicht anders gedacht oder empfunden, auch wenn sie die Ziellosigkeit, die sie sich verordnete, nicht so gewählt ausdrückte wie der Briefstilist jenseits des Wassers. Und jetzt dieser Knaller! März. Entweder oder. Oh boy, c’mon.

Dieses „oh boy“ ist zur Lieblingsphrase geworden. Es kommt dauernd vor und klingt meistens aufgesetzt. Für den Leser die einzigen Momente der Aufregung. Man kann dieses Buch weder des Inhalts noch der Sprache wegen lesen. Einige Passagen mögen recht gut sein, wie beispielsweise die Reflexionen zum Thema Älterwerden, doch werden diese immer wieder von oh-boy-ähnlichen Phrasen unterbrochen, die jegliche Ästhetik zerstören. Will man Walser lesen, sollte man sich ein anderes Buch aussuchen. Liebesromane gibt es von ihm ja genug.

Der Augenblick der Liebe
von Martin Walser

256 Seiten, € 8,95
(broschiert / kartoniert)

ISBN 978-3499240201
erschienen bei Rowohlt

rezensiert von

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