Gabriel García Márquez: »Hundert Jahre Einsamkeit«

Viele Jahre später sollte der Oberst Aureliano Buendia sich vor dem Erschießungskommando an jenen fernen Nachmittag erinnern, an dem sein Vater ihn mitnahm das Eis kennen zu lernen. Macondo war damals ein Dorf von zwanzig Häusern aus Lehm und Bambus am Ufer eines Flusses mit kristallklarem Wasser, das dahineilte durch ein Bett aus geschliffenen Steinen, weiß und riesig wie prähistorische Eier. Die Welt war noch so jung, dass viele Dinge des Namens entbehrten, und um sie zu benennen, musste man mit dem Finger auf sie deuten.

Dieser Roman ist ein Wunderwerk, ein großer Zauber, ein verwirrendes Spiel. Am Anfang steht ein Mord, der zur Gründung des Dorfes Macondo führt. Hier beginnt die Geschichte der Buendia, die weitverästelt über sechs Generationen oder hundert Jahre erzählt wird. Macondo ist ein magischer Ort, der durchaus Ähnlichkeiten mit dem biblischen Paradies aufweist. Schon das erste Bild (alles scheint so frisch der Schöpfung entsprungen zu sein, dass viele Dinge noch keinen Namen tragen) birgt einen Zauber in sich, der den Leser auf den kommenden Seiten erwarten wird. Macondo ist eine Welt voll von Wundern und möglichen Unmöglichkeiten. Die ersten Menschen, die diese Welt bewohnen, definieren sich vor allem durch zwei Eigenschaften; zum einen besitzen sie die Gabe kindlichen Staunens und Entdeckens, zum anderen lastet auf ihnen der Segen (oder Fluch) eines übernatürlich langen Lebens. Ursula Buendia, die Ur- und Übermutter der Dynastie, wird so Zeugin aller fünf ihr folgenden Generationen.

Sie hatten ein reinliches, ordentliches Haus. Bei Tagenanbruch öffnete Rebeca es sperrangelweit, und der Wind der Gräber wehte durch die Fenster herein und wehte durch die Türen des Innenhofs hinaus und weißte die Wände und gerbte die Möbel mit dem Salpeter der Toten.

Der Roman spielt mit einem immer wiederkehrenden Thema, das virtuos variiert wird. Márquez schreibt virtuos vom Paradox der Zeit, vom Menschen und seinen innersten Triebkräften. Für Ursula, die ein so übernatürlich langes Leben hat, dass sie die immer wiederkehrende Variation des Geschlechts der Buendia, ihr Leben und Sterben, ihr Lieben und Begehren erlebt, für sie ist es tatsächlich so, als sei ihr Leben eine ständige Wiederholung desselben. Genau das ist eines der wichtigsten Drehmomente des Romans: Die Vergänglichkeit, das ständige Sterben und Gebären innerhalb dieser Familie. Für den Roman ist es der Treibstoff, für den Leser wird es zur beunruhigenden Selbstreflexion – denn man kommt nicht umhin, seine eigene Lebensspanne auf nichts als eine Episode in einer unendlichen Geschichte zu relativieren.

Macondo wächst und so auch das Haus der Buendia. Nachdem es in den ersten Jahren ausschließlich einer Gruppe von Zigeunern gelang, Macondo zu erreichen und es mit den Wundern der Zivilisation wie dem Magnetismus oder der Fotografie bekannt zu machen, sollte es nach vielen Jahren endlich gelingen, das Dorf durch eine Eisenbahnlinie mit der Welt zu verbinden. Damit beginnt eine Zeit, in der Macondo von den Machenschaften der Politik heimgesucht wird, es ist die Zeit von Oberst Aureliano Buendia und seiner vielen Kriege, es ist aber auch die Zeit des Überflusses im Hause Buendia. Zugleich wird der Keim für den Untergang dieses paradiesischen Ortes gesät: In der Epoche, in der eine Bananengesellschaft ihr Unwesen in Macondo zu treiben beginnt, ist der Glanz des Namen Buendia bereits beinahe verblasst, flackert noch einmal kurz vor dem Massenmord am Bahnhof von Macondo auf, um bald ganz zu erlöschen. Von dem einst vor Leben und Wundern glühenden Ort Macondo bleibt schließlich nichts übrig als einige Ruinen, in denen sich das Schicksal der Buendia erfüllen soll.

… und nun sah er das Epigraph vor sich, folgerichtig eingeordnet in Zeit und Raum der Menschen: Der Erste der Sippe wird an einen Baum gebunden und den Letzten werden die Ameisen fressen.

Es gibt wenige Bücher, die so dicht gewebt sind, die so nah an den Kern des Menschlichen vorstoßen wie »Hundert Jahre Einsamkeit«. Es ist ein magisches Buch, das dem großen Mysterium »Leben« ein Denkmal von biblischem Format schafft. Es ist ein groteses Buch über die Vergänglichkeit und über die Triebkräfte des Menschen. Es ist abgründig und erotisch. Es ist ein Geniestreich.

hundertjahreeinsamkeit

Hundert Jahre Einsamkeit
von Gabriel García Márquez

übersetzt von Curt Meyer-Clason

496 Seiten, € 15,00
(gebunden)

ISBN 978-3462037227
erschienen bei Kiepenheuer & Witsch


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