Thomas Kapielski: »Je dickens, dostojewski!«

Dieses Buch, geneigter Leser, handelt von Liebe und Tod.

Machen wir dieses Geständnis doch gleich zu Beginn: Ich konnte mich nach Seite 258 nicht mehr dazu überwinden, mir die restlichen 197 Seiten dieses selbsternannten »Volumenromans« ebenfalls noch anzutun. Zu egal war die Handlung, zu uninteressant die Figuren. Dabei finde ich das Buch nicht mal im klassischen Sinne schlecht. Es hat eine tolle Sprache, ich liebe es, als »geneigter Leser« angesprochen zu werden und ein paar der Ideen und Beobachtungen sind richtig, richtig zündend. Doch zusammengehalten wird all das nur von einem Nichts von einer Handlung. Ernsthaft: »Je dickens, destojewski!« ist ein ausgewalzter Dialog zwischen dem Autoren, der sich innerhalb des Romans gern als »der Pohle« bezeichnet und seiner hauptberuflichen Hauptfigur Ernst L. Wuboldt. Der Autor möchte sein Buch möglichst rasch auserzählt bekommen, während Wuboldt, der sich hauptsächlich als Stammtischphilosoph gleich zweier Stammtische betätigt, davon träumt, Held eines »gemästeten Wälzers« zu sein. Aus diesem Konflikt ergeben sich einige sehr schöne Duelle auf Metaebene, doch selbst solch wundervoll postmoderne Koketterien haben in Hinsicht auf den Unterhaltungswert ihre klaren Grenzen.

Im übrigen steht es dem Pohlen ganz frei, sonstwen, ja die komplette Romanbesatzung noch in diesem Paragraphen umzubringen und dem hiesigen Spuk ein Ende zu bereiten!

Und so werde ich wohl bis auf Weiteres nicht erfahren, welche Figuren wohl so alles in dem Roman das Zeitliche segnen werden, auch wenn der Autor schon mehrfach damit drohte, sein diesbezügliches Machtpotential nutzen zu wollen. Auch werde ich vorerst unwissend bleiben, wofür der Mittelinitial der Hauptfigur wohl steht – eine Enthüllung, die relativ kurz vor meinem Abbruch immerhin angekündigt wurde. Aber ehrlich gesagt ist es mir mittlerweile auch egal, und vermutlich wollte der Autor sowieso nur die aus dem »Glücksrad« bekannte Kombination häufiger deutscher Buchstaben aneinanderreihen. Nein, mich hat Herr Kapielski verloren, weil er trotz gestochener Sprache einfach zu wenig Mehrwehrt liefert, weil sein Buch wohl doch besser kein erzwungener Volumenroman geworden wäre und lieber den überschaubaren Umfang der anderen Tommy-Jaud-Epigonen beibehalten hätte. Die überschreiten mit ihren nicht weniger egalen Situationsaneinanderreihungen wenigstens nicht die 300-Seiten-Grenze.

Der Pohle ist da anders; er hütet jede Notiz und hofft, sie möge noch gedeihen. Dabei tritt gerade er fürs Straffen und Kürzen ein! Wuboldt hingegen nötigt seinem Mentor fortwährend episches Volumen, ja literarische Stopfmast ab. Seltsam. Und merkwürdig! – in dem Sinne, dass es würdig sei, vermerkt zu werden! Womit Wuboldts Ansinnen (nämlich Volumen zu schinden!) schon wieder obsiegt.

Trotzdem möchte ich eine kleine Empfehlung aussprechen, und das nicht nur, weil ich dem Suhrkamp-Verlag eigentlich jeden Buchverkauf gönne – allein schon, weil ich ohne ein gewissen Grundvertrauen in deren Verlagsprogramm kaum ein Buch jenes Titels einfach so in die Hand genommen hätte. Doch »Je dickens, destojewski!« ist trotz des krawalligen Titels das Werk eines Autors mit sehr feinem Sinn für Sprache. Nur vermag es wohl nur solche Leser wirklich zu begeistern, die in jeweils fast schon klinisch relevantem Übermaß mit entweder der Tugend der Geduld oder einer Vorliebe für gestochene Formulierungen gesegnet sind. Am besten wohl mit beidem. Für alle anderen sei als Trost dahingestellt, dass sich das Buch wie jede Ausgabe der edition suhrkamp im Zweifelsfall auch einfach ganz hübsch im Regal macht, ein Fehlkauf somit nicht zwangsläufig den Papiermüll oder den Second-Hand-Buchmarkt bereichern muss. Das hat dann auch den Vorteil, dass man das Buch immer mal wieder aus dem damit verschönerten Regal herausnehmen und sich ungezwungen eines der frustrationsvermindert kurzen Kapitel (bzw. »Paragraphen«, wie der Pohle sie viel lieber nennt) genehmigen kann, ohne gleich den ganzen nervenaufreibenden Batzen auf einmal lesen zu müssen. Viel Zusammenhang gibt es ja wie gesagt nicht zu verlieren. Doch, ich glaube, das könnte man so machen. Zumindest habe ich mir das gerade so vorgenommen.

»Was schert uns das?«, wird sich der Leser fragen.
Und der Pohle wird grämlich »Gar nichts!« antworten und weiterschreiben.

Je dickens, dostojewski!
von Thomas Kapielski

458 Seiten, € 20,00
(broschiert / kartoniert)

ISBN 9783518126943
erschienen bei Suhrkamp

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