Herta Müller: »Herztier«

Wenn wir schweigen, werden wir unangenehm, sagte Edgar, wenn wir reden, werden wir lächerlich.

Ein Roman mit historischem Hintergrund, völlig entgegen meiner sonstigen Lesegewohnheiten. Ich war (und bin eigentlich auch immer noch) der Meinung, dass ein Roman nur durch reine Fiktion oder wenigstens Abstraktion funktionieren kann und dass ein reales Fundament für eine Geschichte nur hinderlich ist. Herta Müller hat mich davon überzeugt, dass es auch Ausnahmen gibt.

Rumänien Ende der achtziger Jahre: Das Land steht kurz vor der totalen Explosion, die Securitate hat den Alltag der Einwohner fest im Griff und in irgendeinem vermutlich rund um die Uhr bewachten Gebäude sitzt Ceau?escu und richtet den Staat langsam zu Grunde. Die Erzählerin und ihre drei Freunde (oder »Komplizen«) Kurt, Georg und Edgar wollen aussteigen aus diesem diktatorischen Spiel. Sie wollen ihre Freiheit, und dafür kämpfen sie auch, wenn es sein muss.

Weil wir Angst hatten, waren Edgar, Kurt, Georg und ich täglich zusammen. Wir saßen zusammen am Tisch, aber die Angst blieb so einzeln in jedem Kopf, wie wir sie mitbrachten, wenn wir uns trafen. Wir lachten viel, um sie voreinander zu verstecken. Doch Angst schert aus. Wenn man sein Gesicht beherrscht, schlüpft sie in die Stimme. Wenn es gelingt, Gesicht und Stimme wie ein abgestorbenes Stück im Griff zu halten, verlässt sie sogar die Finger. Sie legt sich außerhalb der Haut hin. Sie liegt frei herum, man sieht sie auf den Gegenständen, die in der Nähe sind.
Wir sahen, wessen Angst an welcher Stelle lag, weil wir uns schon lange kannten.

Sehr krimihaft mutet das alles stellenweise an, es geht um Vertrauen und Skepsis, Geheimnisse, Hilfe und Menschlichkeit. Und gleichzeitig ist diese Geschichte alles andere als ein Krimi, nämlich erschütternd, bloßstellend und dabei nicht einmal wirklich spannend, denn wie der Kampf der vier »Komplizen« gegen das totalitäre Regime letztlich ausgehen wird, interessiert eigentlich kaum. Viel interessanter sind die winzigen Details der Geschichte, die alltäglichen Schikanen von Securitate und vermeintlichen Freunden. Die Geschichten von Menschen, die keine Möglichkeit zur Flucht haben.

Das Fenster ist gebrochen. Vom Wind sagt sie, wer glaubt das. Kaum ist sie raus aus dem Zimmer, kommt sie wieder. Sie lässt die Tür offen. Wenn der Großvater sie machen lässt und sich nicht rührt, kommt sie zu ihm ans Bett. Sie fasst seine Hände an und sagt: Du sollst nicht schlafen, dein Herztier ist noch nicht zu Hause.

Neben diesem Szenario ist es Herta Müllers Sprache, die all den Schrecken und die Verzweiflung in Worte packt und uns entgegenschleudert. Betörender und gleichzeitig ehrlicher kann Sprache gar nicht sein, jeder kleine Satz ist dermaßen mit Poesie aufgeladen, dass es beinahe wehtut. Herta Müller webt ein regelrechtes Netz aus Namen und Gedanken und Orten, das sich während des Lesens unauffällig über die Seiten legt und dann – zack! – ganz plötzlich reißt, als könne es all diese schreckliche Schönheit nicht mehr tragen: Die Blutsäufer, die singende Großmutter, Frau Margit aus Ungarn und all die anderen, die aus dem Schatten treten und wieder verschwinden, weil die Zeit sie zu sich holt.

Mit den Wörtern im Mund zertreten wir soviel wie mit den Füßen im Gras. Aber auch mit dem Schweigen.

Ich hüte mich normalerweise vor Superlativen, aber diesmal kann ich nicht anders: Dieses Buch ist die Schönheit des Schmerzes. Es ist unglaublich.

Herztier
von Herta Müller

256 Seiten, € 9,95
(broschiert / kartoniert)

ISBN 978-3596175376
erschienen bei Fischer

rezensiert von

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