Haruki Murakami: »Afterdark«

23:56 Uhr
Vor uns liegt eine Großstadt. Mit den Augen eines hoch am Himmel fliegenden Nachtvogels nehmen wir die Szenerei wahr.

Spät am Abend sitzt ein Mädchen in irgendeinem Restaurant, eine Tasse Kaffee vor sich und ein dickes Buch in der Hand. Sie kann und will nicht schlafen, liest lieber. Weil sie es zuhause nicht mehr aushält, treibt sie sich in der Stadt rum.
Ein junger Mann spricht sie an, er war mit ihrer Schwester auf der High School, und wie alle anderen war auch er bis über beide Ohren und vor allem auch hoffnungs- und chancenlos in sie verliebt. Diese Schwester ist das genaue Gegenteil von dem Mädchen, das hier mit ihrer Baseballkappe sitzt: Eine ausgesprochene Schönheit, von allen begehrt, und trotzdem natürlich unerreichbar für jeden, der auch nur den Versuch wagt, ihr näherkommen zu wollen …

Die beiden jedenfalls kommen ins Gespräch. Sie werden sich diese Nacht noch einmal begegnen, viel später, kurz vor dem Sonnenaufgang. Wenn die ersten Bahnen wieder fahren. In der Zwischenzeit passieren Dinge, die vielleicht jede Nacht in einer Großstadt wie dieser passieren, in irgendeinem anonymen Love Hotel. Ein paar winzige Geschichten, die sich miteinander verweben.

Das Problem, was ich schon immer mit Murakamis Büchern hatte, ist grob heruntergebrochen folgendes: Es passiert zwar einiges, aber es kommt nichts an. Es sind keine actiongeladenen Übergeschichten, vielmehr kleine Beobachtungen – aber Murakami schreibt so unsagbar langweilig, dass mir jedes Mal wieder beim Lesen ganz anders wird. Seine Bücher sind Kult – absolut! – , aber auf keinen Fall Literatur. Unterhaltung aber eben auch nicht, denn dazu lädt nichts in seinem Stil ein. Ein bisschen so wie ein Film, den man noch selber einsprechen muss, bevor man ihn sich anschauen kann.
Jedenfalls: Ich mag Murakamis Bücher generell, vielleicht gerade weil sie so langweilig, fast lustlos geschrieben sind. Weil es ihm egal ist, weil er völlig ausgelutschte Symbole verwendet und mehr an einen Sportkommentator denn einen Autor erinnert.
In dieser Geschichte aber war mir dann doch etwas zu wenig Abwechslung – nichts Überraschendes, alles wirkt so eingeleitet, als gäbe es überhaupt keinen anderen Weg, die Geschichte fortzuführen. Das typische Murakami-Gefühl kurz vorm Schluss, wenn plötzlich eine winzige Kleinigkeit hinzukommt, die das gesamte Konstrukt zum Wanken bringt, stellte sich bei mir auch nicht ein. Darum bleibt dieses Buch eine kurzweilige Abwechslung, aber leider auch nicht mehr.

Afterdark
von Haruki Murakami

237 Seiten, € 19,90
(gebunden)

ISBN 978-3832179403
erschienen bei Dumont

rezensiert von

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