Jon Fosse: »Morgen und Abend«

Noch mehr heißes Wasser Olai, sagt die alte Hebamme Anna
Steh nicht in der Küchentür rum Mensch, sagt sie

Fosses Theaterstücke gehören zu den gefühl- und stimmungsvollsten Texten, die ich kenne; darum war ich anfangs etwas skeptisch, was seine Prosa betrifft: Kann eine Sprache, die im Theater wunderbar funktioniert, auch eine längere Geschichte erzählen und deren Stimmung einfangen?

Wohin fahren wir?, fragt Johannes
Nein du fragst, als ob du noch leben würdest, sagt Peter
Nirgendwohin?, sagt Johannes
Nein da, wo wir hinfahren, ist kein Ort und darum hat es auch keinen Namen, sagt Peter
Ist es gefährlich?, fragt Johannes
Gefährlich nicht, sagt Peter
Gefährlich ist ein Wort und da, wo wir hinfahren, gibt es keine Wörter, sagt Peter

Genau genommen, ist »Morgen und Abend« eigentlich keine Geschichte im herkömmlichen Sinne, sondern vielmehr eine Zustandsbeschreibung, eine Bestandsaufnahme einiger Stunden im Leben des alten Fischers Johannes.
Das Ganze hat von Anfang an etwas Geisterhaftes an sich, und schon früh wird erahnbar, dass Johannes zwar einen ganz normalen Tag mit seinem Freund Peter verbringt, er aber bereits nicht mehr am Leben ist. Genauso wie damals seine Frau Berta ist er morgens nicht wieder aufgewacht, und Jon Fosse nimmt uns als Leser mit auf eine Reise in die Zwischenräume von Leben und Jenseits. Wir begleiten Johannes an seinem letzten Tag im Leben respektive seinem ersten Tag als Schatten, denn die Übergänge zwischen beiden Welten sind fließend, Fosse verwebt sie immer wieder miteinander und schafft dadurch eine zutiefst beklemmende Atmosphäre, der man sich nur schwer entziehen kann.

(…) und sie gehen auf den Anleger und Peter zieht seinen kleinen Kutter heran und Johannes denkt, es ist nicht ganz ungefährlich, rauszufahren, wenn ganz ordentlich Seegang ist wie heute, denkt Johannes und dass er so was denkt, er ist doch all die Jahre Fischer gewesen und wird doch wohl keine Angst haben rauszufahren, was ist nur mit ihm los, heute ist alles so anders, ein ganz merkwürdiger Tag ist heute, etwas ist ganz anders als sonst, denkt Johannes und dann durchzuckt es ihn, denn steht da nicht Peter quicklebendig vor ihm, dabei ist Peter doch tot, oder? ist Peter nicht schon vor längerer Zeit gestorben, ist er doch?

In Fosses Worten kann man sich treiben lassen, ganz eintauchen. Seine Sprache ist so schnörkellos und klar, manchmal beinahe lapidar, so als bräuchte er keinerlei andere Mittel außer den Worten und den Namen, den Gedanken in den Köpfen. Der ganze Roman ist ein einziger Fluss, ein nahtlos ineinander übergehender Text, der hier und da aufwogt und abwogt, aber nie einbricht.
Man muss sich wohl darauf einlassen, dass kaum etwas passiert und dass alles Gefühl ist, alles nachvollziehbare Gedankennetze, die der Autor zwischen seinen Figuren auswirft. Das ist eine märchenhafte Fabel und gleichzeitig pure Realität. Das ist Zauberei.
Das ist Literatur, wie es sie viel zu selten gibt.

morgenundabend

Morgen und Abend
von Jon Fosse

übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel

128 Seiten, € 7,99
(broschiert / kartoniert)

ISBN 978-3499233135
erschienen bei Rowohlt

rezensiert von

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