Erich Kästner: »Fabian«

Dass überhaupt nichts hilft, ist – damals wie heute – keine Seltenheit. Eine Seltenheit wäre es allerdings, wenn das den Moralisten entmutigte.
Sein angestammter Platz ist und bleibt der verlorene Posten. Ihn füllt er, so gut er kann, aus. Sein Wahlspruch hieß immer und heißt auch jetzt: Dennoch!
(Erich Kästner über „Fabian“)

Berlin, Anfang der 30er Jahre. Erich Kästner wird Augenzeuge der ersten Bücherverbrennungen in Berlin. Er ist einer der als entartet geltenden Autoren. Dennoch wohnt er in den nächsten zwölf Jahren weiterhin in Berlin und veröffentlicht unter diversen Pseudonymen.
Der Schriftsteller geht, im Gegensatz zu vielen Kollegen, nicht ins Exil; sein zwei Jahre zuvor geschriebener Roman „Fabian – Die Geschichte eines Moralisten“ scheint diese Entscheidung zu begründen. Während in den Bordellen, Kneipen und Ateliers noch die goldenen Zwanziger in ihrer feucht-fröhlichen Blüte stehen, beginnt auf den Straßen der Kampf politischer Extreme. Die zunehmende Stagnation der Regierung zwingt Journalisten zu Lügen, um die instabile Lage nicht weiter zu gefährden.

Als der promovierte Fabian arbeitslos wird, einen verarmten Wissenschaftler aufnimmt und einen Posten in einem rechts populistischen Blatt ablehnt, offenbart sich sein Charakter, der die finanzielle Armut stets dem zweifelhaften Handeln einer Wohlstandsgesellschaft vorzieht. Fabian will keinen Zeigefinger erheben. Er besucht ebenfalls die Orte, ob Redaktion oder Bordell, in denen vermeintlich lasterhaft gehandelt wird. Im Gegensatz zu seinem Umfeld begegnet er diesen Situationen mit einem Verständnis für umsichtige Entscheidungen.
Fabian agiert als Zeitzeuge, wird von Situation in Situation geworfen und mit einer zunehmenden Radikalität der Umstände konfrontiert.

Kästner gibt seiner, in weiten Strecken satirischen, Gesellschaftsanalyse filmische Eigenschaften und fügt kurzgeschichtenähnliche Szenen in einer Haupthandlung zusammen. Dabei erinnert er an Filme wie „Permanent Vacation“ von Jim Jarmusch oder „Oh, Boy!“ von Jan Ole Gerster.

Lottchen an der Theke füllte die Gläser. Die Frauen tranken, als hätten sie acht Tage nichts gegessen.
Musik drang gedämpft herüber. An der Bar saß ein riesenhafter Kerl und gurgelte mit Kirschwasser.
Der Scheitel reichte ihm bis ins Rückgrat. Hinter der Pfalz bei Caub brannte eine elektrische Birne und besonnte den Rhein, wenn auch nur von hinten.

Mit Hilfe der Verbindung von raschen Schnitten und handlungsstarken Szenen gelingt Kästner eine Dynamik, mit der er die Spannung seiner Zeit geschickt einfängt. Häufig folgt darauf Kritik an, oder in, den Aussagen verschiedener Akteure; den größten Vorwurf macht Kästner dabei der Gesellschaft selbst:

Wir werden nicht daran zugrunde gehen, dass einige Zeitgenossen besonders niederträchtig sind, und nicht daran, dass andere besonders dämlich sind. Und nicht daran, dass einige von diesen und jenen mit einigen von denen identisch sind, die den Globus verwalten. Wir gehen an der seelischen Bequemlichkeit aller Beteiligten zugrunde. Wir wollen, dass es sich ändert, aber wir wollen nicht, das wir uns ändern.

Mit „Fabian“, das ursprünglich „Der Gang vor die Hunde“ heißen sollte, sieht Erich Kästner bereits 1931 die große Gefahr seiner Zeit voraus. Anders als Huxley oder Orwell siedelt er seinen Roman dennoch in der Gegenwart an. Kästner zeigt seinen Optimismus und schreibt aus Hoffnung, nicht aus Resignation. Er gibt keiner politischen Gruppe die Macht über die Zukunft, sondern vielmehr dem Volk die Möglichkeit zur Entscheidungsgewalt.
Das Buch agiert als Weckruf für die paralysierte Allgemeinheit. Durch den Tenor einer humoristischen Grundhaltung nimmt er seine Anklage, platziert einen „Zerrspiegel“ an ihre Stelle und schafft so eine brillante Gesellschaftsanalyse, die in allen Zeiten, zu moralischem Handeln aufrufend, ihren Platz in der neuen Weltliteratur verdient.

Fabian
von Erich Kästner

256 Seiten, € 7,90

ISBN 978-3423110068
erschienen bei dtv

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