Feridun Zaimoglu: »German Amok«

Die Kunstfotze ist nicht zu übersehen: ein ennuyantes Warzenmädchen, mittelgroß und mittelmäßig, in diesem Moment bis auf eine Perücke in Hauchrose völlig nackt und deshalb für die älteren Herrschaften im Publikum eine Augenweide.

Sein Roman »Liebesbrand« wurde im letzten Jahr wie kaum ein anderer durch die Medien jongliert, nicht erst seit gestern wird der Autor als eine Art »neues deutsches enfant terrible« von den einen beschimpft und von wieder anderen in den höchsten Tönen gelobt.
Der vorliegende Roman ist zwar einer der früheren, trägt aber bereits eine sehr markante Handschrift: Im Milieu der Berliner Independent-Kunstszene wird hier mit Beschimpfungen, Grobschlächtigkeiten und purer Dummheit um sich geworfen, dass man als Leser nicht recht weiß, ob man über diese geballte Ladung Arroganz und Aggression verzweifelt lachen oder doch lieber beschämt den Kopf schütteln soll.

Als Hauptfigur sucht sich Zaimoglu einen jungen Mann, der zwar gern als Maler gelten würde, dem es dafür aber leider schlicht an irgendwas fehlt: Können vielleicht, sicher auch Menschlichkeit. Dieser »Künstler« jedenfalls ist eine regelrechte Ausgeburt an Neid und Boshaftigkeit. Seine Mitmenschen hält er ausnahmslos für unfähig, verstockt, engstirnig, langweilig, krank oder schlicht dumm. Niemand genügt seinen Richtlinien, es scheint ihm schier unmöglich, mit jemandem ein ganz einfaches Gespräch anzufangen, ohne dabei an seinen eigenen Vorteil zu denken. – Und langsam entspinnt sich so etwas wie ein roter Faden, Szene folgt auf Szene, Vernissage auf Künstlertratsch, bis diese traurige und kläglich gescheiterte Existenz eines Tages mit einem Bekannten ins brandenburgische Treptin fährt, um dort mit einigen »armen Irren« japanisches Buto-Theater einzuüben.

Der Geschlechtselan wird den Türkenbengeln noch vergehen, nicht wenige liegen bald im Rinnstein, und ihre Väter, wenn sie denn zurückgekehrt sind und im Teehaus ihres Dorfes die Zurückgebliebenen unterhalten, werden ihre Worte bedächtig wählen und sagen: Die Vergangenheit malt mit goldenen Stiften.

Ich würde dieses Buch gern lauthals in der Luft zerreißen und es in Grund und Boden stampfen, nur leider weiß ich nicht konkret, wofür eigentlich: Zaimoglu stößt sich an allem, an Frauen im Allgemeinen und Nutten im Speziellen, an Schwulen, Ausländern und natürlich an den Ossis – aber er tut das mit einer sprachlichen Raffinesse, der man nur schwer den Boden unter den Füßen wegziehen kann. Sicher, der überwiegende Teil ist nichts weiter als einigermaßen elegante, aber ansonsten leider vollkommen gesichts- und facettenlose Phrasendrescherei (der Klappentext indes bezeichnet Zaimoglu selbstverständlich als »begnadeten Sprachschöpfer«); immer wieder aber schimmert in all diesem tiefpolemischen Müll ein Satz durch, der allein durch seine einfache Schönheit besticht und es nicht nötig hat, sich hinter leeren Worthülsen zu verstecken.
Inhaltlich ist das alles nicht mehr als ein uninspirierter Ost-West-Konflikt auf Groschenromanniveau. Platte Triebbefriedigung zwischen Berliner Coolness und vulgärerotischer Randpsychologie. Eine wirkliche Intention sucht man letztlich vergeblich, und angesichts dieser völligen Aussagelosigkeit wirkt das Gelesene, dieser vor lauter Wut und Enttäuschung hinausgebrüllte Hass auf alles und jeden, am Ende nur noch unglaubwürdiger und lächerlicher.

German Amok
von Feridun Zaimoglu

256 Seiten, € 9,95
(broschiert / kartoniert)

ISBN 978-3596158515
erschienen bei Fischer

rezensiert von

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