Felix und Felka

Ein warmer Mai-Nachmittag.
Der Park ringsum in dunklem Grün.
Auf dem Platz vor der Villa, im Pinienschatten, stehen Felix und Felka.
Viel zu schnell durchgelesen ist dieses sowieso schon schmale Buch aus dem Rowohlt-Verlag: »Felix und Felka« von Hans Joachim Schädlich. Auf gerade einmal 200, teils nur halb bedruckten Seiten spürt der Autor den letzten Lebensjahren des aus Osnabrück stammenden jüdischen Malers Felix Nussbaum und seiner Freundin, später Frau, Felka Platek, nach. Beide Maler verlassen Deutschland schon früh, zunächst für ein Stipendium in der Villa Massimo in Rom, das Felix Nussbaum 1932 erhielt, anschließend reisen sie weiter durch Italien, dann nach Frankreich und Belgien. Nach Deutschland, wissen beide, können sie nicht wieder zurück und sie leben in ständiger Angst um die Familien, die aus der Heimat nicht fliehen wollen oder können: Felix‘ Eltern in Deutschland, Felkas Eltern in Polen. Ihre Reise durch Europa ist begleitet von einem steten Gefühl der Heimatlosigkeit, der zunehmenden Mittellosigkeit und der fehlenden Perspektive, sowohl für das eigene Leben, als auch für das künstlerische Schaffen. Mit Auftragsarbeiten für Porzellanmalerei halten sie sich über Wasser, unterstützt von Freunden, die ihnen Obdach gewähren und ihre Kunst fördern, fühlen sich aber stets wie Getriebene, ruhelos und oft gereizt.

Schädlich erzählt die Geschichte von Felka Platek und Felix Nussbaum rigoros verknappt, reiht Hauptsatz an Hauptsatz, als handele es sich um ein Drehbuch mit Handlungsanweisungen, knappen Szenenbeschreibungen und kurzen Dialogen. Anfangs gewöhnungsbedürftig, ist diese verknappte Sprache eine große Stärke dieses Buchs: Die Beklemmung eines Lebens auf der Flucht vor dem Nazi-Regime bekommt gerade durch die Schnörkellosigkeit der Sprache eine erschreckende Unmittelbarkeit. Alles wird sehr komprimiert erzählt und auch künstlicher Spannungsaufbau wird vermieden, was dem beklommenen Gebanntsein beim Lesen allerdings keinen Abbruch tut. Es bedarf oft auch nicht vieler Worte, um die klaffenden Löcher zu beschreiben, die der Zweite Weltkrieg in die deutsche und die europäische Kultur und Gesellschaft gerissen hat.

Eine zusätzliche Stärke des Textes sind die in die Rahmenhandlung eingestreuten Originalzitate, unter anderem von Zeitzeugen und aus Briefen von Felix Nussbaum an Freunde und Förderer. Diese machen die Verzweiflung der Lage deutlich:
Gewiss, ich verstehe wohl, was Sie meinen, aber glauben Sie ja nicht, dass Fremde Heimat ist. Ob hier oder dort – ohne Echo zu schaffen ist bedrückend. Man steht zwischen unendlich vielen Bergwänden und ruft und schreit, und kein Echo klingt zurück. Bedrückend auch sind die vielen Bilder, die man gemalt hat und malt und stumm auf Mansarden und sonstigen Dachkammern herumstehen und sich langweilen.

(Felix Nussbaum in einem Brief aus dem Jahr 1937)
Daneben Schädlichs knapper Schreibstil:
Felix sagt:
«Die Kleins haben mich übrigens nach Buffalo eingeladen.
Ich will ihnen schreiben, daß mir das ein bißchen zu weit ist. Aber wenn hier in Belgien mal irgend so ein Nazi ans Ruder kommt, dann vielleicht.»
Felka sagt:
«Das sagst du so, aber dann ist es schon zu spät. Ich kann mir Amerika auch nicht vorstellen.»
Die Tragweite, die solche einfach wirkenden Dialoge haben, schwingt im Hintergrund immer mit. Oftmals erinnert der Schreibstil auch an jenen von Graphic Novels, in denen kurze Sätze die Szenerie beschreiben und in deren Bildern dann die Dialoge stattfinden – mit dem Unterschied, dass die Bilder hier gänzlich fehlen, was in Anbetracht der Geschichte und in dem Wissen um die in Auschwitz getöteten Maler eine zusätzliche Tragik erhält.

Felix und Felka

208 Seiten, € 19,95, gebunden
Rowohlt, ISBN 978-3498064372

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Rezensiert von Rike Zierau am 26. Februar 2021