Peer Hultberg: »Eines Nachts«

Das Haus, in dem Rudolf Loften wohnte, gehörte zum älteren Baubestand. Seine Wohnung lag ganz oben, im dritten Stock, und er öffnete vorsichtig die Tür zum Treppenhaus und lauschte.

Die Mitglieder der Familie Loften scheinen schon seit geraumer Zeit nichts als nurmehr den Nachnamen gemeinsam zu haben: Es wird zwar ab und zu telefoniert, gelegentlich besucht man die Eltern, aber ansonsten geht jeder seine eigenen Wege.
Die Mutter ringt seit Wochen mit dem Tod; es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis der Krebs sie besiegt haben wird. Seit sie die von Schmerz bestimmten Stunden nur noch in ihrem Bett verbringt, ist ihr Mann Paul nicht von ihrer Seite gewichen; er opfert sich für sie auf, tut alles in seiner Macht Stehende, um ihr die letzten Lebenstage so leicht wie möglich zu machen. Er selbst hat längst mit ihrem Schicksal abgeschlossen und nutzt die langen Stunden, die er nachts in seinem Sessel sitzt und raucht, um nachzudenken: Was ist eigentlich Tod? Wie sieht er aus, was macht er mit einem? Und vor allem: Wie wird sie, seine geliebte Frau, aussehen, wenn er sie findet? Wird sie friedlich daliegen oder mit vor Schmerz verkrümmtem Körper?

Er sah sie an. Ihre Blicke begegneten sich; sie betrachteten einander. Sie brauchte nicht zu sagen: „Setz dich her zu mir, ich habe dir etwas zu sagen“, und er brauchte nicht tonlos zu fragen: „Ist es das?“ und auf ein Nicken von ihr zu warten. Er setzte sich ganz einfach aufs Bett, er nahm ihre Hand, sie saßen still zusammen. Sie war beinah heiser, als sie das Schweigen brach, sie musste sich räuspern, bevor sie sagte: „Paul, heute abend sollst du nicht reinkommen und mir gute Nacht sagen.“ Er nickte nur ein paarmal mechanisch; starrte leer vor sich hin. Auf den roten Fernsehapperat. Dann legte er sich neben sie, mit dem Mund an ihren Hals, er streckte sich, so lang er war, im Bett aus; und er konnte nichts dagegen tun, dass er schluchzte.

Diese Nacht, die im Elternhaus alles verändert, bleibt auch für die drei Kinder der Loftens nicht ohne Folgen: Die Tochter, die eigentlich alles haben müsste, was man sich wünschen kann, schleicht sich unter einem Vorwand von ihrem Mann fort und wagt sich im Aufzug einer billigen Hure in das untriebige Nachtleben der Stadt. Sie hat mit sich selbst eine stille Abmachung geschlossen: Sie will bezahlt werden für Sex, will wissen, wie sich das anfühlt.
Zur gleichen Zeit versucht Brigit die wieder auferstandenen Geister der Vergangenheit ein zweites Mal zu besiegen: Ihr Exfreund ist mit seiner neuen Freundin zu Besuch, und Brigit versucht alles, um Curt bloßzustellen, ihn psychisch zu zerfetzen. Die Vorsicht und Subtilität, die sie bei ihrem Vorhaben an den Tag legt, ist geradezu beängstigend – und ob sie letztendlich erreicht, was sie erreichen wollte, ist kaum zu beantworten.
Der Bruder Rudolf schließlich ist in dieser Nacht auf dem Weg in die Unfallstation: Er hat sich in seinem Suff die Hand verbrannt, und als er sich danach im Spiegel betrachtet, wird ihm klar, dass es so nicht weitergehen kann mit ihm. Er muss sein Leben wieder in den Griff bekommen; und so verwandelt er sich notdürftig wieder in einen „Menschen“ und nimmt den Weg ins Krankenhaus zum Anlass, den alten Rudolf hinter sich zu lassen.

Eine abschließende Bemerkung fällt mir schwer, und deshalb gibt es auch diesmal keine; ich könnte Hultbergs präzise und wunderbar realistische Sprache in den Himmel loben oder die detailliert ausgearbeiteten Psychogramme der Figuren. Aber das will ich nicht. Dieses Buch ist überwältigend, in jeder Hinsicht, und jeder soll für sich entscheiden, wieso.

Eines Nachts
von Peer Hultberg

231 Seiten, € 24,00
(gebunden)

ISBN 978-3902497260
erschienen bei Jung und Jung


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