Michael Cunningham: »Die Stunden«

Sie hastet aus dem Haus, wirft einen für die Witterung zu schweren Mantel über. 1941. Wieder hat ein Krieg begonnen.

Richmond bei London, 1923: Virginia Woolf brütet über dem ersten Satz für ihren Roman »The Hours«, der später einmal den Titel »Mrs Dalloway« tragen wird. Ihr Mann hat das Pulsieren der Hauptstadt gegen die Gefangenschaft der Kleinstadt eingetauscht, um Virginia vor den Stimmen in ihrem Kopf und vor sich selbst zu schützen. Er tut alles, um seine Gattin vor dem Verrücktwerden zu bewahren, doch es gelingt ihm nicht. Virginia ist krank, sie fühlt sich endlos leer und ausgebrannt. Sie steht zwar unter ständiger Aufsicht der Ärzte, doch helfen können diese ihr nicht.
Einige Jahre darauf wird sie sich das Leben nehmen.
Los Angeles, 1949: Laura Brown ist Hausfrau und Mutter, die ihre Familie bis zur Selbstaufgabe liebt. Für ihren Mann und ihren kleinen Sohn tut sie alles Menschenmögliche. Sie ist eine Perfektionistin, sie wirkt nach außen glücklich – aber sie ist es nicht. Sie liest Virginia Woolfs »Mrs Dalloway«, und am Geburtstag ihres Mannes bricht sie urplötzlich aus ihrem Leben aus und flieht in die Anonymität eines Hotelzimmers. Sie will sich das Leben nehmen und hat doch im entscheidenden Moment nicht die Kraft dazu. Zuhause warten ihr Sohn und das Abendessen auf sie. Sie muss ihre Pflicht erfüllen.
New York, Ende der Neunziger: Clarissa Vaughan organisiert eine Party für ihren besten Freund und ihre große Jugendliebe Richard, der einen Preis für sein schriftstellerisches Lebenswerk erhalten soll. Richard ist todkrank, nur noch ein Schatten seiner selbst, der Krebs hat ihn bereits fast völlig aufgezehrt. Wenige Stunden vor der Party stürzt er sich vor Clarissas Augen aus dem Fenster und lässt sie mit ihren Erinnerungen an die vergangene Liebe allein zurück.
Richard hatte sie immer liebevoll »Mrs Dalloway« genannt.

Liebster,
ich fühle deutlich, dass ich wieder
verrückt werde. Ich glaube, wir ertragen
eine so schreckliche Zeit nicht noch einmal.
Und diesmal werde ich nicht wieder gesund werden. Ich höre
Stimmen und ich kann mich nicht konzentrieren.
[…] Wenn jemand mich hätte retten können,
wärest Du es gewesen.
Alles andere hat mich verlassen, außer dem sicheren Wissen um Deine Güte. Ich kann Dein Leben nicht länger ruinieren.
Ich glaube nicht, dass zwei Menschen glücklicher hätten sein können, als wir es gewesen sind.
Virginia

Stephen Daldrys Verfilmung des Romans gehört seit Jahren zu meinen absoluten Lieblingsfilmen, und ich hatte dementsprechend große Erwartungen an den Roman selbst. Schnell wurde mir klar, dass der Film zwar die Geschichte an sich aufgreift, aber an vielen Stellen durch die beeindruckenden Bilder und die Musik auch etwas ganz Eigenes aus der Vorlage macht.
Michael Cunningham hingegen traut einzig und allein seinen Charakteren und braucht dazu fast keine Bilder. Er ist ein bestechend scharfer Erzähler, der sich wirklich darauf versteht, die Psyche seiner Figuren und deren Ängste bis ins letzte Detail offenzulegen. Er schiebt vermutliche Winzigkeiten in den Vordergrund und macht die Menschen glaubwürdig. Er liebt seine Figuren, das merkt man. Und gerade deshalb kann man dieses Buch nicht aus der Hand legen: Weil man mit diesen Menschen fühlt, weil sie einen interessieren.

Denk doch, wie wunderbar es wäre, nicht mehr wichtig zu sein. Denk doch, wie wunderbar es wäre, sich keine Sorgen mehr machen, nicht mehr kämpfen zu müssen oder zu versagen.

»Die Stunden« ist nicht nur ein anrührender Roman voller Wunden und unstillbarer Sehnsucht, er ist auch ein brennendes Plädoyer für die Macht der Phantasie und das Lesen. Es ist ein großer, beängstigend gefühlvoller Roman.

Die Stunden
von Michael Cunningham

übersetzt von Georg Schmidt

224 Seiten, € 9,00
(broschiert / kartoniert)

ISBN 978-3442726295
erschienen bei btb

rezensiert von

Ein Kommentar zu “Die Stunden”

  1. Vielen Dank für den tollen Post! Ich war von „Die Stunden“ absolut fasziniert und der Roman hat mich sehr berührt, was natürlich auch an seiner ständig präsenten Traurigkeit liegt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.