Julio Cortázar: »Der Verfolger«

Dédée rief mich am Nachmittag an, um mir zu sagen, dass es Johnny nicht gut gehe, und ich bin sofort ins Hotel gegangen.

Es gibt da ja diese Redensart, dass Genie und Wahnsinn dicht beieinander lägen. Und in dem, was Julio Cortázar in diesem kleinen Büchlein beschreibt, scheint sich diese Aussage auch vollends zu bewahrheiten: Bruno, Jazzkritiker und enger Vertrauter Johnny Carters, schildert Szenen und Eindrücke aus dessen Leben, das sich zwischen musikalischer Genialität und exzessivem Selbstzerstörungsdrang nicht zu entscheiden scheinen kann. Das Publikum liebt Johnny für seine großartigen Jazzinterpretationen, für seinen ganz eigenen Stil und seine absolute Hingabe zur Musik. Und auch seine Freunde – darunter natürlich auch Bruno – und die Fachwelt sind voll des Lobes, voll der Anerkennung für dieses Ausnahmetalent.
Aber dieser Ruhm hat auch seine Schattenseiten: Da sind die Drogen, von denen Johnny einfach nicht die Finger lassen kann, die ihn vor jedem Auftritt erst richtig zu öffnen scheinen für die Musik. Da ist dieser Drang nach sexuellen Ausschweifungen. Und schließlich ist da auch noch sein eigenes Wesen, seine immer wieder hervorbrechende Schizophrenie, die jede zwischenmenschliche Beziehung unendlich schwierig macht. Landläufig würde man sagen: Er steht sich selbst im Weg. – Und Bruno, als sein engster Vertrauter, scheint der einzige zu sein, der das Ausmaß dieser Selbstsabotage in all ihrer Zerstörungskraft überschaut. Er ist der einzige, der Zugang zu Johnny findet, und gleichzeitig ist er auch derjenige, dem Johnny die meisten Rätsel aufzugeben scheint.

In Johnny gibt es keine Spur von Gräße, ich weiß das, seit ich ihn kenne, seit ich ihn zu bewundern begann.

Wer will, kann in der Geschichte sicher einige Parallelen zum Leben des großen Saxophonisten Jimmy Carter entdecken; er stand der Figur des Johnny Pate und diente Cortázar als Inspiration. Muss man aber nicht zwingend, denn das Buch ist vielmehr auch eine Variation der Geschichte und etwas Eigenes und erst recht keine knochentrockene Biografie.
Was die Erzählung vor allem lesenswert macht, sind der Stil und die Lust Brunos/Cortázars am Erzählen: Die Liebe zur Musik, die so häufig zwischen den Zeilen hindurchschimmert. Das Verständnis für seine Umwelt, die Ehrlichkeit sich selbst gegenüber – und die Hingabe als Freund, der Johnny nicht nur als die öffentliche Ausnahmeerscheinung wahrnimmt, sondern ihn immer auch als Mensch sieht und kennt, mit all seinen Fehlern.

Der Verfolger
von Julio Cortázar

übersetzt von Rudolf Wittkopf

98 Seiten, € 7,95

ISBN 978-3518019993
erschienen bei Suhrkamp

rezensiert von

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