Mohsin Hamid: »Der Fundamentalist, der keiner sein wollte«

Entschuldigen Sie, Sir, kann ich Ihnen behilflich sein? Oh, jetzt habe ich Sie erschreckt. Sie brauchen keine Angst vor meinem Bart zu haben: Ich liebe Amerika.

Mit diesen Worten beginnt eines der packendsten Bücher, die mir in den letzten Jahren unter die Augen gekommen sind: Mohsin Hamids »Der Fundamentalist, der keiner sein wollte.«

Wir befinden uns in Lahore, Pakistan – und wenn ich sage »wir«, dann meine ich das genau so. Denn der Leser steckt vom ersten Satz an mitten drin in der Geschichte. Auf dem Gang durch die Altstadt von Lahore wird er von einem jungen Einheimischen angesprochen, der makelloses Englisch spricht und ihn in sein Lieblingsteehaus einlädt. Dort sitzen sie sich gegenüber, der gastfreundliche Pakistani und der Amerikaner, in dessen Rolle wir beim Lesen schlüpfen, oder vielmehr geschoben werden.

Changez beginnt, seine Geschichte zu erzählen, die Geschichte von seinem ganz persönlichen Aufstieg im Amerika der späten 90er Jahre. Als Spitzenabsolvent der Elite-Universität Princeton stehen ihm alle Türen des amerikanischen Arbeitsmarktes offen. Er stürzt sich nur allzu bereitwillig in dieses Leben der Gutverdienenden, das geprägt ist von einem grenzenlosen Selbstvertrauen und einem Hang zur Dekadenz. Als er sich in Erica verliebt, scheint er alles zu bekommen, was er sich gewünscht hat – auch wenn sie aufgrund eines tragischen Verlustes in ihrer Vergangenheit Schwierigkeiten hat, sich zu binden. Gemeinsam genießen sie die Kunstszene und das Nachtleben New Yorks.

Es könnte ewig so weitergehen… Aber dann fliegen am 11. September 2001 zwei Flugzeuge in die Twin Towers des World Trade Centers, ein weiteres ins Pentagon in Washington. Plötzlich ist nichts mehr so, wie es vorher war. Als Pakistani gehört Changez von einem Tag auf den anderen einer Nationalität an, die per definitionem verdächtig ist. Dies beginnt er zu spüren, allerdings – und hier beginnt das Buch wirklich zu überraschen – weniger anhand seiner Kontakte im Außen als vielmehr in seinem Inneren. Er hat seine ganz eigene Sicht auf die Ereignisse und alles, was im Anschluss auf der weltpolitischen Bühne geschehen ist. Und während seine amerikanische Welt um ihn herum zusammenstürzt, erstarkt in ihm mehr und mehr das Gefühl dafür, wer er eigentlich ist.

Changez erzählt seine Geschichte, fast gar nicht unterbrochen von seinem Gegenüber, dessen spärliche Kommentare wir nur anhand der Reaktionen des Pakistani vermittelt bekommen. Er ist es auch, der immer wieder Bemerkungen zum Gesprächsumfeld macht: dem düster dreinschauenden Kellner, der einbrechenden Dunkelheit, den sich allmählich leerenden Straßen. Mit jedem Kapitel wächst das ungute Gefühl, längst ahnen wir, dass diese Begegnung kein Zufall ist – aber wer ist hier Jäger und wer Gejagter?

Dieses Buch ist eine absolute Entdeckung – brilliant geschrieben, durch und durch packend bis zum allerletzten Wort und darüber hinaus. Auf sehr angenehme Weise begegnen wir hier der fremden Kultur, absolut auf Augenhöhe und ohne jegliche Einteilung der Welt in Gut und Böse.

Der Fundamentalist, der keiner sein wollte
von Mohsin Hamid

192 Seiten, € 17,95
(gebunden)

ISBN 3455400477
erschienen bei Hoffmann und Campe

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