Virginia Woolf: »Zum Leuchtturm«

»Doch, bestimmt, wenn es morgen schön ist«, sagte Mrs Ramsay.
»Dann musst du aber schon ganz früh aus den Federn«, setzte sie hinzu.

Voranstellen möchte ich ein Zitat von Virginia Woolf, das zwar mit dem vorliegenden Roman konkret nichts zu tun hat, das aber wohl für mich eine Art Grundhaltung ihrem Werk gegenüber ausdrückt: »Manchmal denke ich, der Himmel besteht aus ununterbrochenem, niemals ermüdendem Lesen.«
Woolfs stark autobiografisch geprägter Roman ist in vielerlei Hinsicht ein spannendes und interessantes Buch: Es geht nicht so sehr um Handlung, sondern vielmehr um das Wesen der Figuren, deren Wahrnehmung unter- und füreinander. Es gibt keinen allwissenden Erzähler im klassischen Sinne, es gibt keine klare Meinung, mit der sich der Leser auseinandersetzen muss und/oder soll. Vielleicht kann man das Buch vielmehr als ein kleines erzählerisches Kaleidoskop betrachten; über die Handlung möchte ich nichts sagen, nicht, weil sie unwichtig wäre, sondern eher, weil sie für mich nicht den Fokus des Erzählten darstellt. Wichtig ist nicht das »was«, sondern das »wie«: Die Sensibilität nämlich, mit der die Autorin ihre Figuren begreift und damit auch für uns begreifbar macht. – Virginia Woolf gelingt ein berührendes und gleichzeitig auch erschreckend nüchternes Bild voller Kontraste. Sie stellt die Erinnerungen an eine behütet-wohlige Kindheit der Unbeständigkeit menschlicher Beziehungen gegenüber, und sie als Autorin hält sich dabei dezent im Hintergrund, um ihren Figuren allen erdenklichen Freiraum zu lassen.

»Nun ja, wir müssen abwarten, was die Zukunft bringt«, sagte Mr. Banks, als er von der Terrasse hereinkam.
»Man sieht fast nichts mehr, so dunkel ist es«, sagte Andrew auf dem Weg zum Strand hinauf.
»Man kann kaum sagen, was Meer ist und was Land«, sagte Prue.
»Lassen wir das Licht brennen?«, fragte Lily, als sie drinnen die Mäntel auszogen.
»Nein«, sagte Prue, »nicht, wenn alle da sind.«
»Andrew«, rief sie zurück, »mach doch noch das Licht in der Diele aus!«
Eine nach der anderen wurden alle Lampen gelöscht, außer dass Mr. Carmichael, der vor dem Einschlafen gern noch ein wenig Vergil las, seine Kerze länger brennen ließ als die anderen.

Jedem Satz und jeder Geste wird eine ganz eigene Intensität beigemessen, und dadurch schafft sie ein Bild, das gerade in seiner Widersprüchlichkeit so sehr fesselt; einerseits etabliert sie Momente, die auf Grund ihrer Winzigkeit bezaubern, gleichzeitig ist es aber eben auch diese allgegenwärtige Zerbrechlichkeit des Augenblicks, die alles mit einer Art stummer Lethargie überzieht.
Virginia Woolf hat sich in diesem Roman nicht der Realität der Außenwelt verschrieben – die nimmt sie vielmehr nur als Kulisse her, um mit den Tiefen der Charaktere zu spielen; sie stülpt das Innerste der Figuren mit seltener Virtuosität nach außen und schafft so einen Roman, der mich gleichzeitig durch psychologische Tiefe und Zärtlichkeit stark beeindruckt hat.

Zum Leuchtturm
von Virginia Woolf

übersetzt von Karin Kersten

240 Seiten, € 8,95

ISBN 978-3596120192
erschienen bei S. Fischer

rezensiert von

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