F. Scott Fitzgerald: »Der große Gatsby«

In meinen jüngeren und verletzlicheren Jahren hat mein Vater mir einen Rat gegeben, der mir seither nicht mehr aus dem Kopf geht.
„Jedes Mal, wenn du glaubst, jemanden kritisieren zu müssen“, sagte er, „dann erinnere dich daran, dass nicht alle Menschen auf der Welt solche Privilegien wie du gehabt haben.“

Niemand weiß so recht, wer dieser „Gatsby“ eigentlich ist. Nur eines ist sicher: Er hat Geld, verdammt viel Geld sogar, und er gibt so gut wie jeden Abend rauschende Feste in seinem Strandpalast vor der Küste New Yorks. Zu den Gästen zählt jeder, der Rang und Namen hat, ob eingeladen oder nicht. Gatsbys Feste sind gesellschaftliche Selbstläufer, die quasi jedem Interessierten offenstehen. Um seine eigene Person ranken sich diverse Geschichten, und auf den Partys ist er selbst zwar physisch anwesend, aber nimmt nie wirklich teil am Geschehen.
Der einzige Grund für diese Partys ist eine Frau; Gatsby wartet auf nichts sehnlicher als darauf, dass sich auch Daisy einmal auf einem seiner Feste blicken lässt. Gatsby ist trotz der ständigen Gesellschaft schrecklich einsam, und diese Einsamkeit kann nur diejenige Frau vertreiben, die Gatsby vor Jahren einmal liebte und die ihm seitdem keinen Tag mehr aus dem Kopf geht.

An die letzten fünf Minuten bei Tisch erinnere ich mich nur bruchstückhaft, ich weiß noch, dass jemand sinnlos die Kerzen wieder entzündete und dass ich jedem offen ins Gesicht sehen und doch allen Blicken ausweichen wollte.

Die Geschichte selbst ist wenig interessant und hält keinerlei nennenswerte Überraschungen für den Leser bereit. Erzählt wird all das durch Gatsbys Nachbarn und späteren Vertrauten Nick, der in einem Schandfleck von Haus nebenan wohnt und letztlich das Bindeglied zwischen Gatsby und Daisy ist. Sehr angenehm für den Verlauf der Geschichte ist hierbei die Tatsache, dass Nick mehr stiller Beobachter ist als Gatsbys Freund; für den Leser bedeutet das eine fast wertfreie Sicht auf die Geschehnisse, ohne störende Moralkeule oder unterschwellige Meinungsmache. Fitzgerald erzählt die Geschichte des geheimnisvollen Gatsby mit dem ihr nötigen Chic der „Goldenen Zwanziger“ und hält sich gleichzeitig angenehm zurück.

Falls Persönlichkeit nichts anderes ist als eine durchgehende Abfolge gelungener Gesten, so hatte er etwas Schillerndes an sich, eine erhöhte Sensibilität für die Verheißungen des Lebens, ähnlich einem dieser komplizierten Apparate, die noch zehntausend Meilen entfernt ein Erdbeben registrieren.

Jedoch: Das alles ist letztlich wirklich dermaßen trivial, dass man sich nach der Lektüre ernsthaft zu fragen beginnt, was alle Welt nur an diesem Buch findet. Natürlich ist es ein Stück weit faszinierend, den Mitgliedern der amerikanischen Schickeria dabei zuzusehen, wie sie bedenkenlos ihr Geld zum Fenster hinauswerfen und dennoch niemals glücklich sind. Dafür, dass „Der große Gatsby“ aber als einer der Meilensteine der modernen amerikanischen Literatur gehandelt wird, ist das bloße Fazit „Geld allein macht nicht glücklich“ doch etwas zu wenig.

Der große Gatsby
von F. Scott Fitzgerald

übersetzt von Lutz-W. Wolff

256 Seiten, € 9,90

ISBN 978-3423139878
erschienen bei dtv

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