Uwe Timm: »Vogelweide«

Die Insel verlagert sich langsam nach Osten. Drei bis vier Meter im Jahr, je nach Stärke der Winterstürme und Sturmfluten. Hier, wo er jetzt stand, war vor vierzig Jahren Wasser nur und Watt.

Ein Mann blickt zurück auf seinen finanziellen wie emotionalen Ruin: Nicht nur wurde Christian Eschenbach (im Roman meist nur bei seinem Nachnamen genannt) von seiner Geliebten verlassen, auch seine eigentlich gut laufende Software-Firma muss durch eine Verkettung unglücklicher Umstände Konkurs anmelden. Sechs Jahre ist dies nun her, doch Eschenbach scheint die Ereignisse kaum verarbeitet zu haben. Er kapselt sich ab und nimmt das Angebot eines Freundes, auf der Nordseeinsel Scharhörn für einige Monate als Vogelwart zu arbeiten, nur zu gern an.

Die Arbeit eines Eremiten. In der Einsamkeit von Wind und Wellen zählt er die Vögel und wird ab und an von den Geistern seiner Vergangenheit heimgesucht, bekommt Besuch von den Personen, die ihm vor seinem Ruin nahe waren. Für ein Projekt, das er eigentlich schon längst abgebrochen hat, analysiert er das Verhältnis des Menschen zur Begierde, scheint selbst aber mit dem Leben schon abgeschlossen zu haben. Plötzlich kündigt sich per Telefon seine ehemalige Geliebte an und will ihn besuchen. Dies bringt den geordneten Tagesablauf des Eremiten durcheinander und er beginnt, die vergangenen sechs Jahre in Rückschauen Revue passieren zu lassen.

„Vogelweide“ ist sehr ruhig, sehr bedächtig geschrieben – ein Erzählstil, der die Abgeschiedenheit Scharhörns gut wiedergibt. Die hier transportierte Atmosphäre der einsamen Naturschutz-Insel wirkt sehr realistisch und lässt vermuten, dass Uwe Timm zumindest eine Zeitlang selbst auf Scharhörn war. Gelungen sind auch Uwe Timms Darstellungen des Handwerks. Eher nebensächlich wird über den Roman verteilt immer wieder die Silberschmiedearbeit von Eschenbachs Freundin Selma erwähnt, die von Timm sehr detailreich und anschaulich beschrieben wird. Auch Restaurationsarbeiten an alten Autos und an Schiffen sind Teil der Erzählung. Die Erzählung selbst jedoch, die Rückschau Eschenbachs auf seine Beziehung, seine Affäre, seinen Beruf zieht sich streckenweise wie ein Kaugummi, wirkt antriebslos. Die Geschichte schaukelt sacht vor sich hin, bis sie nach etwa zwei Dritteln des Romans endlich an der Stelle angelangt ist, an der für Eschenbach, wie von vornherein bekannt ist, alles zusammenbricht und der Fortlauf der Handlung ein wenig Fahrt aufnimmt.

Wenn der Titel des Romans „Vogelweide“ lautet und sein Protagonist Eschenbach heiflt, kommt man unweigerlich zu der Vermutung, es bestünden Anklänge an die mittelhochdeutsche Epik und Minnelyrik von Walter von der Vogelweide und Wolfram von Eschenbach. Parallen auszumachen fällt allerdings schwer, zumal sich „Vogelweide“ weder durch eine besonders lyrische Sprache noch durch eindeutige Verweise auf die mittelhochdeutsche Literatur auszeichnet. Eher steht dieses Zitat als vermeindliche Antwort auf die Vermutung:

Einmal überraschte er Eschenbach mit der Frage, ob er mit dem Eschenbach aus dem Mittelalter verwandt sei.
Nein. Leider nicht.

Schade eigentlich.

Uwe Timm hat groflartige Romane geschrieben, von denen „Am Beispiel meines Bruders“ und „Halbschatten“ nur zwei Beispiele sind. „Vogelweide“ schürt daher hohe Erwartungen, denen der Roman aber leider nicht gerecht zu werden mag.

Vogelweide
von Uwe Timm

336 Seiten, € 19,99
(gebunden)

ISBN 978-3462045710
erschienen bei Kiepenheuer & Witsch

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