Jaroslav Rudiš: »Vom Ende des Punks in Helsinki«

Er wirft eine Tablette gegen den Tod ein, zieht den Reissverschluss an seiner Jacke bis zum Kinn steckt sich eine an und marschiert los. Die Straße liegt menschenleer und öde vor ihm, wie eine Wüste.

Jaroslav Rudiš‘ Buch »Vom Ende des Punk in Helsinki« ist eines der Bücher, das einen bis zur letzten Seite in seinen Bann zieht, das man mit einem Seufzen beiseite legt und das unheimlich nachhallt. Rudiš erzählt die Geschichte zweier Antihelden, Ole und Nancy, die sich 1987 zufällig auf einem Konzert der Toten Hosen begegnen und beschließen, gemeinsam in den Westen zu fliehen. Nancy stirbt bei diesem Versuch und Ole wird dies sein Leben lang nicht vergessen können.
Rudiš erzählt die Geschichte aus zwei Perspektiven: Zum einen aus der Sicht von Nancy in Form von Tagebucheinträgen, die bezeichnenderweise alle mit »Aus dem Tal der Hohlköpfe« überschrieben sind:

Absolut tote Hose. Nix Los. Einfach nur Scheiße. Wenn ich darüber nachdenke gilt das für das ganze Land. Wenn man das Radio anmacht quillt nur Scheiße heraus oder Karel Gott. Wenn man die Glotze anmacht läuft Scheiße oder Karel Gott. Man geht raus und auch da Scheiße…

Durch Nancys Tagebucheinträge reist man in die Tschechoslowakei ’86/’87, in eine trostlose, graue Welt ohne Antrieb und Zuversicht. Endzeitstimmung, Tschernobyl und das Aufbegehren einiger weniger im Zeichen des Punk – das ist Nancys Realität. Sie und ihre Freunde Funus, Chaos, Maruna etc … wollen sich nicht an die Konventionen der Gesellschaft halten und müssen mit deren Repressalien leben. Schulverweis, Polizeiverhöre und Schläge sind die Konsequenzen. »Der Westen« im Allgemeinen oder auch schon das nur wenige Kilometer entfernte Polen mit seiner etwas offeneren Gesellschaft werden zum Fluchtpunkt und zum Sehnsuchtsort der Freiheit. Nancy rafft sich als einzige der bunten Truppe auf, zu einem Konzert der Toten Hosen nach Pilsen zu pilgern. Und an diesem Ort werden sich Nancys und Oles Wege schicksalhaft kreuzen.

In einem zweiten Erzählstrang begegnet man Ole, etwa 20 Jahre später. Ole ist inzwischen etwa 40 Jahre alt und immer noch Punk, ständig schlecht gelaunt und genervt. Er hat beschlossen, nichts mehr mit Frauen anzufangen, weil das Leben ohne sie einfacher ist. In Rückblicken erzählt Ole seine Geschichte zwischen Vergangenheit, Jugend und rebellischem Erwachsenwerden im Osten. Oles Lebensinhalt ist seine Bar, das »Helsinki«, »die letzte heruntergekommene Kneipe der Stadt«. Schräge Typen wie Frank, Wasserleiche, Selbst-ist-der-Mann oder die junge Studentin Lena, die in der Bar ein und aus gehen, sind so etwas wie Oles Familie, auch wenn er ständig so tut, als sei er genervt von allen.

Anhand der tragikkomischen Geschichte schafft es Rudiš, den Generationskonflikt einer rebellierenden Jugend im ehemaligen Ostblock mit all ihren Hoffnungen und Träumen, ihren Ängsten und ihrem Aufbegehren gegen die sichtbaren und unsichtbaren Mauern des Sozialismus zu beschreiben. Aber das ist Rudiš nicht genug: Mit Lena und Oles Tochter Eva bringt er außerdem eine Generation ins Spiel, die das Leben im Ostblock nicht mehr unmittelbar selbst erfahren hat und deren Verlorenheit im neuen System seltsam an dasjenige von Ole oder Nancy erinnert.

All die bunten und grellen Einzelheiten der Geschichte, all die Möglichkeiten vermengen sich zu einem beklemmenden Gefühl, das nicht weit entfernt ist von der lähmenden Lethargie des Ostblockgrau! »Vom Ende des Punks in Helsinki« ist ein Roman, der unter die Haut geht. Er lässt einen den eigenen Standpunkt im Leben hinterfragen und ist wie ein Schlag in die Magengrube wohlstandsschwangerer Bäuche und politischer Schlafwandler.

Vom Ende des Punks in Helsinki von Jaroslav Rudi

Vom Ende des Punks in Helsinki
von Jaroslav Rudiš

übersetzt von Eva Profousová

352 Seiten, € 14,99
(broschiert / kartoniert)

ISBN 978-3630874319
erschienen bei Luchterhand

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