Vladimir Sorokin: »Telluria«

»Erschüttern müssen wir die Kremlmauerm!« Erregt lief Soran unter dem Tisch auf und ab und boxte sich mit dem Fäustchen in die Handfläche. »Er-schüt-tern! Err-schüt-terrn!«

Hereinspaziert, hereinspaziert zu Vladimir Sorokins Geschichtenjahrmarkt. Hereinspaziert, hereinspaziert, denn hier ist für alle was dabei – für jung und alt, für jeden Geschmack, für jede Vorliebe. Doch Vorsicht, der Eintritt ist erst ab 18 Jahren frei. Tut mir Leid!
Genau wie auf einem Jahrmarkt fühlt sich der Leser, sobald er dieses sorokinsche Meisterwerk aufschlägt, überwältigt von all dem Licht, dem Lärm, dem Treiben der Schausteller, die um den Besucher oder den Leser in jeder Episode buhlen. Dieser Überfluss lässt schnell den Kopf von Bildern und Eindrücken sirren, bis man sich nicht mehr sicher ist, ob Neugierde oder Übelkeit die Oberhand gewinnt.

Tellur! Verkörperte Träume! Verwirklichte Gedanken! Weihnachtliches Flüstern am gehauchten Eisblumenfenster!Tellur! Die Macht des Konkreten! Schmerzliche Wunschträume hässlicher Frauen! Träume von Krüppeln! Geheimste Wünsche der Idioten und Bettler!

Tellur ist die Droge, nach der sich die Menschen und andere anthropogene Mischwesen dieser nahen Zukunft verzehren, die Droge, die ihr Suchen und Treiben bestimmt und die einzelnen Geschichten, in die der Roman unterteilt ist, wie ein roter oder in diesem Fall tellurglänzender Faden durchzieht. Sorokin wirft den Leser in jeder Geschichte an einen neuen Schauplatz, ob es nun das von den Salafisten befreite »Nachkriegseuropa« ist, das genauso wie das ehemalige russische Imperium in zahllose aberwitzige Kleinststaaten, Monarchien, Republiken aller erdenklichen politischen Couleur zerfallen ist.

In Sorokins Geschichten wimmelt es nur so von fantastischen Gestalten und Fabelwesen wie Winzlingen, Riesen und Mischwesen aus Mensch und Tier, die allesamt ihren Ursprung in der großen Zauberkiste der Gentechnik haben. Es gibt »schlaue« Materialien, die allwissenden Nachfahren heutiger Smartphones, sogenannte »Grips«, und Automobile, die, wenn nicht durch Pferde ersetzt, mit Kartoffeln angetrieben werden. All das könnte schnell lächerlich oder an den Haaren herbeigezogen wirken, doch genau das passiert in Sorokins Roman nicht. Trotz der Tatsache, dass dem Leser immer wieder Figuren und Geschichten begegnen, die der russisch-europäischen Märchentradition entspringen, bleibt diese Utopie mit dystopischer Färbung doch im Bereich des »Möglichen«, und genau das hebt diesen Roman aus dem Bereich des »nur« Fantastischen heraus und macht ihn zum kongenialen Werk. Er ist poetisch, märchenhaft, zutiefst politisch, zauberhaft, abschreckend und anziehend zugleich!

Seid also gewarnt, denn nach dieser Lektüre fühlt man sich, als hätte man zuviel Zuckerwatte gegessen, zu lange diesem Treiben beigewohnt, zu viele Kuriositäten gesehen, gehört und daran genascht. Die Augen schmerzen, das Hirn zuckt – und doch sehnt man sich schon wieder zurück – nach Telluria.

Telluria
von Vladimir Sorokin

übersetzt von Kollektiv Hammer und Nagel

416 Seiten, € 22,99
(gebunden)

ISBN 978-3462048117
erschienen bei Kiepenheuer & Witsch

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