Amélie Nothomb: »So etwas wie ein Leben«

Eines Morgens bekam ich einen außergewöhnlichen Brief.

3864,946 Kilometer Luftlinie liegen zwischen Bagdad und Paris. Eine weite Strecke, vor allem für einen Brief.

Über Monate hinweg schreiben sich Amélie Nothomb und der im Irak stationierte amerikanische Soldat Melvin Mapple. Das Ungewöhnliche an diesem Briefwechsel: Melvin wiegt inzwischen an die 200 Kilo und macht sein Heimatland und den Krieg dafür verantwortlich, dass er süchtig geworden ist – süchtig nach fettem Essen, nach Popcorn, Eiscreme, Cheeseburgern und allem anderen, was er in die Hände kriegen kann.  Er fürchtet sich davor, nach Hause zurückzukehren, weil er dann allen erklären muss, wie er nur so dick werden konnte. Er hat Angst davor, seiner Familie und seinen Freunden nach Jahren wieder unter die Augen zu treten, und er schämt sich unter den Blicken der Leute. Seit langer Zeit hat keine Frau mehr das Bett mit ihm geteilt. Um gegen die Einsamkeit anzukämpfen und für das Gefühl, geliebt zu werden, hat er seinen Fettmassen einen Namen gegeben: Sheherazade.

Menschen sind Länder. Es ist wunderbar, dass es so viele gibt und dass die ständige Kontinentalverschiebung zu einer Begegnung immer neuer Inseln führt.

In Amélie scheint er eine Freundin gefunden zu haben, jemanden, der ihn verstehen muss. Er hat alle ihre Bücher gelesen und weiß, dass sie Verständnis haben muss für den Hunger und dass sie diesen Hunger kennen muss wie kaum jemand sonst – und auch wenn ihre Bücher meist von einer anderen Sorte Hunger handeln, liegt Melvin damit völlig richtig. Mit einer Mischung aus Interesse und Ekel lässt Amélie Nothomb sich auf den Briefwechsel ein, wohl gerade auch deshalb, weil Mapples Briefe für einen Soldaten ungewöhnlich poetisch und feinfühlig sind:

Ich möchte für Sie existieren. Ist das vermessen? Ich weiß es nicht. Wenn ja, verzeihen Sie mir. Doch es ist die reine Wahrheit: Ich möchte für Sie existieren.

Mapple öffnet sich Amélie gegenüber immer mehr, erzählt von seinem Kampf gegen oder vielmehr mit dem Hunger. Seine Briefe sind lang, sie sind unheimlich persönlich und sehr ehrlich – und gerade diese Ehrlichkeit ist so besonders erfrischend an diesem Briefwechsel.

Eine ungewöhnliche Sichtweise eines ungewöhnlichen Menschen auf den Krieg, gemischt mit einer Quasi-Kurzbiographie der Autorin; ein herrlich kurzweiliges Buch, das sich zwar auf den ersten Blick als leichte Kost für zwischendurch tarnt, dann aber sehr schnell so einiges zu erzählen hat über den Körper, über falsche Gefühle, Vertrauen und das Leben an sich. Bissig und auf den Punkt gebracht, sprachgewandt und intelligent. Typisch Amélie Nothomb und trotzdem ganz anders und neu.

So etwas wie ein Leben
von Amélie Nothomb

übersetzt von Brigitte Große

128 Seiten, € 8,90
(broschiert / kartoniert)

ISBN 978-3257242881
erschienen bei Diogenes


» bei ocelot, kaufen

rezensiert von

2 Kommentare zu “So etwas wie ein Leben”

  1. Alex

    Liebe Brigitte,

    ich habe mich sehr über deinen Kommentar gefreut. Du hast natürlich völlig Recht; deine Arbeit bzw. auch die Leistung deiner Kollegen ist mindestens genau so groß, denn ohne euren Einsatz blieben uns viele literarische Schätze verwehrt.
    Ich möchte deinen Kommentar daher zum Anlass nehmen und versprechen: Ich werde die Angaben zum jeweiligen Übersetzer nächste Woche auch mit in die einzelnen Rezensionen aufnehmen.

    Liebe Grüße,
    Alex

  2. Brigitte Große Antworten

    Lieber Alex,

    tolle Rezension. Nur eine kleine Anmerkung: Die zitierten Sätze sind nicht von Amélie Nothomb. Amélie Nothomb schrieb nämlich Folgendes:
    „Les gens sont des pays. Il est merveilleux qu’il en existe tant et qu’une perpétuelle dérive des continents fasse se rencontrer des îles si neuves.“
    Und: „Je veux exister pour vous. Est-ce prétentieux? Je l’ignore. Si ça l’est, pardonnez-moi. C’est ce que je peux vous dire de plus vrai : je veux exister
    pour vous.“
    Die deutschen Sätze habe ich geschrieben. Für die Übersetzung des Buches habe ich ungefähr so lange gebraucht wie Amélie Nothomb, es zu schreiben. Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich das „Je veux“ als „ich will“ oder „ich möchte“ übersetzen soll, „les gens“ als „Leute“ oder „Menschen“ usw. usf.
    Und ich finde, dass meine Arbeit, die mir sehr viel Freude gemacht hat, wenigstens in den Angaben zum Buch Erwähnung finden sollte.

    Mit freundlichem Gruß
    Brigitte Große

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.