Jan Siebelink: »Im Garten des Vaters«

Wer von Osten kommt, von der deutschen Grenze, erblickt schließlich im endlosen Moor einen grauen Streifen am Horizont, und wer die Strecke zum erstenmal zurücklegt und den Fluß überqueren möchte, glaubt sich der Fußgängerfähre und dem Veluwezoom, dem südlichen Rand der Veluwe, schon zu nähern.

Hans Sievez wächst zur Mitte des 20. Jahrhunderts in Lathum auf, einem ländlichen Ort in den Niederlanden, der vor allem durch das nahe Moor und die örtliche Ziegelei geprägt ist. Um sich diese trostlose Umgebung erträglicher zu gestalten, spielt er Theater, vor Allem für Margje van Renes. Spontan ahmt er auf dem Schulhof seinen Vater, einen Grubenmann, nach. Vielleicht auch, um sich der Angst vor dieser überlebensgroßen Figur zu entziehen, denn Hans‘ Vater, durch Emder Fischer dazu angeregt, hat dem örtlich verbreiteten Glauben abgeschworen und verbreitet in seiner kleinen Familie fanatisch den „wahren Glauben“.

Nach dem Frühstück las der Vater eine Passage aus dem Buch Hiob. Jedes einzelne Wort wurde laut geschrien: “ Wie lange plagt ihr doch meine Seele?“ Er betete vor.

Sein Sohn leidet unter der religiösen Leidenschaft in ihrer Brutalität und der körperlichen Züchtigung, die daraus hervorgeht, bevor er letzten Endes alt genug ist Lathum den Rücken zu kehren und nach Den Haag zu gehen.

Sein großer Traum ist es Gärtner zu werden und er beginnt eine Lehre, in deren Verlauf sich schnell sein naturgegebenes Talent mit Pflanzen umzugehen zeigt. Eine eigene Gärtnerei ist sein großes Ziel. Für sich selbst und Margje. Und nach nicht allzu langer Zeit ist er Herr über einen paradiesischen Garten von Gloxinien, Pantoffelblumen, Dahlien und Farnen.

Während seiner Lehrzeit, jedoch, begegnete Hans Joszef Mieras und durch ihn einer zwielichtigen Gruppe um den Laienprediger Huib Steffen.
Der Keim, den sein Vater bereits in seiner Kindheit gesäht hatte, beginnt in ihm zu keimen. Er besucht Gottesdienste in heruntergekommenen Scheunen, liest unablässig in Predigten und religiösen Betrachtungen. Der Glaube, der sich schon bald zum Fanatismus auswächst, entfremdet ihn seiner Familie und obgleich er gegen das Wohl Margjes und später auch seiner Söhne handelt, gibt es für Hans kein Zurück mehr.

„Im Garten des Vaters“ führt dem Leser die Macht der religiösen Überzeugung und ihre Zerstörungskraft eindrucksvoll vor Augen. Bereits in der Kindheit des Protagonisten in verstörender Weise angelegt, bahnt sich der Fanatismus seinen Weg, um alles mit sich zu reißen. Jan Siebelink stellt das Paradies des Gartens und der Familie, die Fülle und Farben der Blumen der heruntergekommenen Sekte gegenüber, deren Mitglieder keinen Wohnsitz haben und sämtlich körperliche, oftmals abstoßende Makel aufweisen. Für den Leser scheint es einfach zwischen Hell und Dunkel zu wählen, doch Hans Sievez ist angesichts des religiösen Feuers blind für diesen Unterschied, bis es ihn letzten Endes verzehrt.

Bibelzitate und teils verwirrende subjektive Eindrücke innerhalb der gewohnten Prosa tragen die Gefühlswelt, den Leidensweg des Protagonisten nah an den Leser heran, sodass der Roman zu einem Erlebnis wird, einem Rausch, aus dem man nach 524 Seiten erwacht, ein wenig schwindelig und benommen, wie nach einem Kinofilm. Einen solchen Effekt habe ich selten bei einer Lektüre erlebt.

Im Garten des Vaters
von Jan Siebelink

528 Seiten, € 12,90
(broschiert / kartoniert)

ISBN 978-3423140348
erschienen bei dtv

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