Siegfried Lenz: »Schweigeminute«

„Wir setzen uns mit Tränen nieder“, sang unser Schülerchor zu Beginn der Gedenkstunde, dann ging Herr Block, unser Direktor, zum bekränzten Podium. Er ging langsam, warf kaum einen Blick in die vollbesetzte Aula; vor Stellas Photo, das auf einem hölzernen Podium stand, verhielt er, straffte sich, oder schien sich zu straffen, und verbeugte sich tief.

Stella und Christian erleben gemeinsam einen Sommer in einer norddeutschen Stadt am Meer. Heimliche Treffen am Strand und auf See, hingestreute Berührungen und sparsame Gespräche, denen erst auf stummen Fotografien anzusehen ist, was sie tatsächlich bedeuten weben einen fragilen Kokon um die beiden.

Stella ist Christians Englischlehrerin und er, durchschnittlich begabt, Sohn eines Steinfischers. Wie sie zueinander stehen darf niemand erfahren. Jedoch endet die Geschichte um den Schüler und seine Lehrerin endet vorzeitig, als Stella, noch bevor ihrer beider Liebe sich vollends entwickeln kann, im Hafen verunglückt.

Nautische Begriffe durchziehen, für den einen angenehm fremdartig, für den anderen vertraut, eine Novelle, die trotz eines gefährlich nah am Kitsch stehenden Themas, niemals den unaufgeregten, ruhigen Ton verliert.

Wo eine Liebe am Mittelmeer oder in Cornwall, erst recht wenn sie so brisant ist wie die von Stella und Christian, dem Leser eine süßliche Dissonanz aufgezwungen hätte, legt der Schauplatz der Ostsee eine angenehme Lethargie über die Geschehnisse.

Lenz erzählt in seiner gewohnt sachlich-poetischen Sprache, sodass man ihm stundenlang zuhören möchte und versetzt den Leser mühelos zurück in einen stilleren Norden, so wie er vor ein paar Jahrzenten war oder hätte sein können.

„Schweigeminute“ ist ein Buch, das beruhigt und obgleich es nicht ganz an frühere Werke wie „Arnes Nachlaß“ heranreicht, ist es doch mindestens lesenswert.

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Schweigeminute
von Siegfried Lenz

128 Seiten, € 7,90

ISBN 978-3423138239
erschienen bei dtv


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