Pieter Webeling: »Das Lachen und der Tod«

Es war mir oft aufgefallen, wie hässlich Menschen werden, wenn Sie lauthals lachen. Ich sah die verzerrten Grimassen, den weit aufgerissenen Mund, das vibrierende Gaumenzäpfchen. Ich hörte die harten Kehllaute, die salvenartig hervorgestoßen wurden, als würden sie erbrochen. Wahrscheinlich, weil sie die Kontrolle verlieren, und dann werden Menschen schnell hässlich.

»Kontrollverlust« ist ein Wort, das in diesen ersten Sätzen des Romans »Das Lachen und der Tod« auftaucht und seine blutigen Zähne bleckt. Es ist ein wichtiges Wort, denn es ist der Schlüssel zum Verständnis dieses Romans. Der Leser wird durch dieses Buch zum Zeugen dessen was es heißt, die Kontrolle über jegliche menschliche Instanz wie Mitgefühl, Nächstenliebe, Moral oder Kultur zu verlieren. Er blickt in die Gesichter der SS-Schergen und ist entsetzt. Es bleibt einem dabei gar keine Wahl, als immer wieder erschüttert beim Lesen innezuhalten. Man bekommt Angst vor dem Tier, das im Mensch verborgen ist.

Musste ich mithelfen? Oder besaß ich als Komiker einen anderen Status? Was geschah eigentlich wenn ich mich weigerte? Wenn ich niemanden zum Lachen bringen wollte oder konnte? … Weiter hinten sah ich, wie sich Emil streckte – nachdem er die Toten weggeschleift hatte, legte er eine Pause ein. Er war vollkommen abgestumpft, so durfte ich nicht werden.

Noch größer aber ist die Angst davor, beim Blick in die Gesichter dieser Schlächter sein eigenes Spiegelbild zu erkennen. Auch Ernst Hoffmann, den Protagonisten dieses Romans, packt dieses Entsetzen vor sich selbst. Das Schild, das er schützend vor sich trägt, heißt Humor. Es lässt ihn seine Würde bewahren und schützt ihn davor sich aufzugeben. Hoffmann steht exemplarisch für diejenigen Häftlinge im Lager, die sich bemühen, gegen den Kontrollverlust in ihrem Inneren anzukämpfen. Die ausgemergelten Körper versagen ihnen den Dienst, aber der Geist muss wach bleiben, darf den Blick für das, was den Menschen menschlich macht, nicht verlieren. – Und doch wird man sehen, dass auch diesem Liebendem, diesem Feingeist und Komiker im Angesicht des Schreckens die Kontrolle über sich selbst entgleitet, wie er Schuld auf sich lädt. Beim genaueren Hinsehen ist genau das die erschreckendste Aussage dieses Romans, denn genau dieser Kontrollverlust zeigt, dass es auch unter den Häftlingen solche gibt, in denen das Tier, der Herrenmensch, der Egoist, der Kaltblütige nur dürftig unter der Lagerkleidung verborgen ist – und dass es letztendlich ein Wink des Zufalls ist, auf welcher Seite sie sich wiederfinden: Auf der Seite der Schlächter oder der Geschlachteten.

Eine Stärke in der Konzeption des Romans ist die Ironie, mit der Pieter Webeling gekonnt spielt. Er lässt das Lagerorchester, als Sinnbild für Kultur und die Schönheit des menschlichen Geistes, Werke der großen europäischen Komponisten spielen: Als Soundtrack zu Exekutionen und zur Massenvernichtung. Er lässt den Juden Hoffmann vor seinen Mithäftlingen und seinen Peinigern Nazi-Witze erzählen.

»Erzählen Sie mir einen guten Witz, Herr Hoffmann.« Ich zögerte eine Weile. »Gut, Herr Obersturmbannführer. Wir schreiben das Jahr 1936. Göbbels besucht eine deutsche Schulklasse. Er bittet die Schüler um patriotische Parolen. ›Heil, Hitler‹, ruft ein Junge. ›Sehr gut‹, sagt Goebbels. ›Deutschland über alles‹, ruft ein Mädchen mit braunen Zöpfen. ›Hervorragend. Wem fällt eine noch bessere Parole ein?‹ ›Unser Volk wird ewig leben‹, sagt ein kleiner Junge. ›Wunderbar‹, erwidert Goebbels und klatscht begeistert. ›Diese Parole gefällt mir am besten. Wie heißt du, junger Mann?‹ ›Israel Goldberg.‹«

Gleich zu Anfang lässt Webeling seinen Komiker eine seltsame Feststellung machen: Nämlich, dass das Lachen den Mensch in einen solchen Ausnahmezustand versetzt, dass er jedes Gefühl der Scham verliert, sich sein Gesicht sogar zu einer Fratze verzerrt. Welche Ironie! Dass gerade das Lachen, dass dieser zutiefst menschliche Reflex, der Grenzen aufhebt und Miteinander stiftet, dieselben Gesichtszüge offenbart, wie sie sonst nur Wahnsinn, Wut und Raserei hervorbringen. Die entstellten Gesichter der vergasten Juden, die Gesichter der schreienden und prügelnden SS-Meute, Todesangst, menschenverachtende Raserei und das Lachen über einen Witz – allesamt sind es Zustände der Entgrenzung und des Kontrollverlusts, und alle sind sie sich in ihrer Ästhetik so schrecklich ähnlich.

Das, was diesen Roman neben seiner Doppelbödigkeit so stark macht, sind die Fragen, die am Ende unbeantwortet bleiben, die Fragen, die sich Ernst Hoffman in tiefster Verzweiflung stellt. Dazu kommen diejenigen, die sich der Leser selbst stellen muss: Die Frage danach, wie man selbst anstelle von Ernst Hoffman, aber auch anstelle von anderen Charakteren gehandelt hätte.
Da sind der Barackenälteste Schlomo und der Sohn, der gezwungen wird, seinen Vater zu erschießen, um vermeintlich selbst weiter leben zu können; da sind der Obersturmbannführer Schmidt oder der jüdische Arzt Levi. All diese Menschen verlangen vom Leser, sich ihnen gegenüber zu positionieren, eine innere Haltung einzunehmen und über sie zu urteilen.

Es gibt mittlerweile unzählige Romane, die den Holocaust thematisieren, aber nur wenige, die das Bild des Menschen so klar und doch so nuanciert zeichnen und dabei das Augenmerk darauf legen, dass die Grenze zwischen Tätern und Opfern auf beiden Seiten eine fließende ist, so gewagt dies auch klingen mag. Es gibt keine Schwarz-Weiß-Malerei bei Pieter Webeling, und damit erhebt sich »Das Lachen und der Tod« über die reine Funktion einer (An-)Klageschrift oder einer reinen Dokumentation. Es ist ein meisterhaftes Lehrstück über den Menschen und das, was ihn ausmacht – im Guten wie im Bösen.

Das Lachen und der Tod
von Pieter Webeling

übersetzt von Christiane Burkhardt

320 Seiten, € 19,99
(gebunden)

ISBN 978-3896674647
erschienen bei Karl Blessing Verlag

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