Kurt Vonnegut jr.: »Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug«

Ihr werdet vorgeben Männer statt Kinder gewesen zu sein, und eure Rolle wird in den Filmen von Frank Sinatra und John Wayne oder sonst einem anderen dieser bezaubernden, kriegsbegeisterten, dreckigen alten Männer gespielt werden. Und der Krieg wird einfach wundervoll aussehen, so dass wir eine Menge anderer Kriege haben werden. Und sie werden von Kindern wie unsere Kinder oben ausgefochten werden.

„Billy wurde 1922 in Ilium, im Staat New York, als einziges Kind eines dortigen Friseurs geboren. Er war ein komisch aussehendes Kind, das ein komisch aussehender Junger Mann wurde – groß und schwach, und mit einer Gestalt wie eine Coca-Cola Flasche“. – Mit diesen Worten stellt uns Vonnegut seinen Protagonisten und Alter Ego Billy Pilgrim vor. Ein sympathischer Sonderling, ein seltsam deplatzierter und tollpatschiger Abkömmling des alles verheißenden American Dream of Life. Billys Schwäche ist keine nur körperliche, sondern auch eine des Willens. Er lässt sich von etwas, das man Schicksal oder Zufall nennen könnte, zu den Schauplätzen seines Lebens treiben, ohne aufzubegehren oder zu rebellieren. Billys Nachname ist ein Omen. Sein Leben und seine Geschichte sind die atemberaubende Pilgerreise durch Raum und Zeit, durch die Lebensspanne eines Menschen, eine Pilgerreise durch die Abgründe und die Apokalypse des zweiten Weltkriegs. Es ist die Reise auf einen weit entfernten Planeten mit dem sonderbaren Namen Tralfamadore, dessen Bewohner die erstaunliche Fähigkeit besitzen vierdimensional zu denken. Es ist aber vor allem auch eine Reise in das Nazideutschland im Dezember 1944, wenige Wochen vor der Kapitulation. Billy Pilgrim reist über den großen Ozean direkt in die Apokalypse. Bei seiner Ankunft – er wurde als Messdiener dem Geistlichen einer Kompanie zugeteilt – ist von ebendieser bereits nichts mehr übrig. Er verliert sich in den Wirren des Krieges, wird gefangen genommen und erlebt die Bombardierung Dresdens.

Billy ist spastisch in Bezug auf die Zeit; hat keine Kontrolle darüber, wohin er als nächstes geht, und die Ausflüge sind nicht notgedrungen lustig. Er ist in einem ständigen Zustand von Lampenfieber, sagt er, weil er nicht weiß, welche Rolle seines Lebens er als nächste wird spielen müssen.

Und so geht es auch dem Leser bei dieser Lektüre, man wird in die Handlung, die immer wieder von einem Schauplatz zum nächsten und quer durch die Zeit springt, förmlich hineingezogen und fühlt sich ganz nah bei diesem Billy Pilgrim, leidet mit ihm und fiebert genauso unwissend wie dieser bis zur letzten Zeile dieses Buches. Leicht hätte es passieren können, dass die Geschichte aus dem Ruder läuft, dass Vonnegut seinen Charakter der Lächerlichkeit Preis gibt, was bei der Dramatik und dem Grauen, der in dem Stoff steckt, zumindest bedenklich, wenn nicht sogar anrüchig wäre. Doch Vonnegut schafft etwas Erstaunliches: Ihm gelingt es anhand der skurrilen Wandlungen und Begebenheiten einen Anti-Helden zu erschaffen, ohne den man beim Lesen dieses Buches verzweifeln müsste; verzweifeln daran, wozu Menschen im Stande sind. Ohne Kitsch und Pathos erinnert uns Billy Pilgrim daran, dass Liebe und Mitgefühl, trotz aller Widersprüchlichkeit zum Kriegsgeschehen, Grundzüge des Menschen sind. Schlachthof 5 oder der Kinderkreuzzug ist ein zutiefst emotionales, packendes Buch, das mit leichter Feder große philosophische Fragen stellt. Es ist ein ähnlich starkes und emotional herausforderndes Buch wie Herta Müllers Atemschaukel. Während einem dort jedoch vor Entsetzen das Blut in den Adern gefriert, man sich für sein Menschsein schämt und gewissermaßen Ekel und Entfremden davor spürt, so bleibt nach der Lektüre von Schlachtof 5 oder der Kinderkreuzzug das Gefühl vonnegutscher Herzenswärme zurück. So ist das.

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Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug
von Kurt Vonnegut jr.

übersetzt von Kurt Wagseil

208 Seiten, € 8,99

ISBN 978-3499253133
erschienen bei Rowohlt

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