Feridun Zaimoglu: »Isabel«

Männer ohne Land. Frauen ohne Himmel. Zeit nach den Exzessen. Aufgebrauchtes, aufgesogenes Licht – Schluss.

Legt man dieses Buch von Feridun Zaimoglu nach der letzten Seite beiseite, fühlt man sich ganz benommen vom Schicksal seiner Charaktere, fröstelt angesichts der Gefühlskälte ihrer Herzen und es dröhnt einem der Schädel vom salvenartigen Staccato zaimoglu’scher Kurzsätze. Dieses Buch zu lesen ist kein Genuss. Nein, man liest es eher mit Widerwillen, kann aber doch nicht davon lassen. Zaimoglu wirft den Leser direkt in das Leben seiner Titelfigur Isabel. Er entwirft in seinem Roman das Bild eines erodierten Lebens, in dem es kaum etwas außer Angst, Verbitterung, Hass und Perspektivlosigkeit gibt.
Isabel verlässt ihren Freund und hat ein Problem: Sie steht ohne Arbeit und ohne jegliche Perspektive im Leben. Sie war Model, versuchte es mit Schauspiel. Es scheint, dass es ihr an Talent nicht fehlt, eher an Ambition. Sie versucht weder alte Kontakte zu nutzen, noch macht sie Pläne. Sie lässt sich treiben. Armenküche, Kleidersammlung und Sozialwohnung sind die Stationen ihres Abstiegs. »Abstieg« ist ein Wort, das Zaimoglu niemals nutzen würde, denn es ist eine Kategorie, die seinen Figuren fremd ist. Abstieg und Aufstieg sind die Kategorien einer Gesellschaft, die hier nicht mehr existiert. Absolute Resignation.

Während Isabel den Teerweg zurückging, fluchte sie laut über ihren schwachen Willen. Umgeben von Menschen niederer Gesinnung. In Ihrer Umgebung fast nur kinderäugige Träumer, die den Halt verloren. Die so taten als gehöre es sich Teil der Ordnung zu sein. Sie verdarben Ihr den Tag, beleidigten Sie. Sagten: du hast aufgegeben.

Isabel ist ständig auf der Flucht, vor sich selbst und ganz konkret vor dem Bruder ihrer toten Freundin Juliette. Dieser ist die Ausgeburt des Bösen: Er erfreut sich am Leid anderer, betrügt, erpresst, quält und wird auch für Isabel bald zu einer lebensbedrohlichen Gefahr. Der einzige Hoffnungsschimmer scheint die Begegnung mit dem traumatisierten Kriegsheimkehrer Marcus. Sie brauchen sich und ringen um so etwas wie Liebe. Doch auch das will kaum gelingen.

Soldat starrte auf das Messer auf dem Tisch. Legte sich hin, zog die Wolldecke über Körper und Kopf. Schlief ein. Träumte von dem toten Mädchen, dem Zigeunerkind. Es lag zerschunden auf der Straße, Katze leckte an seinen Händen – Soldat wachte auf. Erstickte fast. Stand an dem zugeschütteten Loch, steckte die halbe Faust in den Mund, biss zu. Stopfte den Schrei zurück in den Hals. Fuhr zusammen, als er eine Hand auf der Schulter spürte. Nicht fürchten, sagte sie.

Die Welt, in der Isabel lebt, ist bevölkert von alternden Schwulen, von Arabern und Türken, von verrückten Pennern, von Erinnerungen an eine Welt von gestern, in der Isabels Eltern noch immer leben, die für sie selbst jedoch verschlossen ist. Isabel, eine femme fatale, eine düstere Alice im Wunderland. Ein Land, eine Stadt namens Berlin, ein kalter Moloch, der Menschen frisst, der Existenzen zerreibt, bis konturenlose Geister und blasse Scheinwelten zurückbleiben. In diesem Wunderland gibt es keine Retter, gibt es kein Glück, gibt es nur Menschen, deren Existenz auf das Leben einer Eintagsfliege reduziert ist. Ein Schlag mit der Fliegenklatsche namens Schicksal – das war’s. Keine Zeit für Sentimentalität.

Dieses Buch ist düster, brutal, verstörend und dennoch menschlich. Es lässt Fragezeichen zurück, ohne Antworten zu geben. Der radikale und schnörkellose Realismus, mit dem diese Geschichte erzählt wird, verdichtet sich an manchen Stellen zu etwas, das durchaus den Namen »Poesie« verdient. Ein echter Zaimoglu!

Isabel
von Feridun Zaimoglu

236 Seiten, € 18,99
(gebunden)

ISBN 9783462046076
erschienen bei Kiepenheuer & Witsch

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