Ewig dein

Als er in ihr Leben trat, verspürte Judith einen stechenden Schmerz, der gleich wieder nachließ. Er: „Verzeihung.“ Sie: „Macht nichts.“ Er: „Dieses Gedränge.“ Sie: „Ja.“ Judith überflog sein Gesicht, als wären es die täglichen Sportschlagzeilen. Sie wollte nur eine Ahnung davon haben, wie jemand aussah, der einem am Gründonnerstag in der überfüllten Käseabteilung die Ferse abhackte.
Wenn man von einem oder gleich mehreren Romanen eines Autors hellauf begeistert ist, neigt man gern einmal zu einem Blindkauf, sobald dieser Autor ein neues Buch auf den Markt bringt. Oftmals bestätigt sich dann die Hoffnung und man hat einen würdigen Nachfolger in den Händen. Aber in manchen Fällen mag man das Geld für den Kauf des Buches nach dem Lesen fast bereuen.
Zur letztgenannten Gruppe gehört für mich leider „Ewig Dein“ von Daniel Glattauer.

Zum Inhalt: Judith, Ende dreißig, ist Single und führt ein eigenes Lampengeschäft. Eines Tages fährt ihr im Supermarkt ein Mann mit seinem Einkaufswagen in die Hacken. Er entschuldigt sich, sie nickt es ab und beide gehen wieder auseinander. Wenige Tage später steht besagter Mann, Hannes, in Judiths Lampengeschäft, um sich bei ihr noch einmal zu entschuldigen – er habe sie zufällig beim Betreten des Geschäfts gesehen.

Wie zu erwarten war, kommen sich Judith und Hannes näher, beginnen schließlich eine Beziehung. Hannes ist Feuer und Flamme, überschüttet seine Angebetete mit Zuneigung und Aufmerksamkeiten. Judiths Familie ist vom neuen Freund auf Anhieb begeistert. Judith selbst hingegen wird nach anfänglicher Freude immer verhaltener. Je einnehmender Hannes wird, desto weiter scheut sie zurück.

Man ahnt bald, dass die unausgeglichenen Anziehungskräfte die jungen Beziehungsbande zu Fall zu bringen drohen. Nach einer gemeinsamen Urlaubsreise ist für Judith klar, dass sie die Beziehung beenden will. Doch Hannes lässt sich von seiner Zuneigung nur schwer abbringen und wird zum Stalker.

Von diesem Moment an kann man annehmen, dass „Ewig Dein“ als Psychothriller gedacht war. Leider wird dies in keiner Weise konsequent durchgesetzt. Insbesondere der Mischmasch aus ernster und salopp witziger Erzählweise trägt dazu bei, dass Sympathie und Nachvollziehbarkeit sich nicht wirklich einstellen wollen, von Spannung ganz zu schweigen. Die „Person A: ‚Antwort A’ Person B: ‚Antwort B.’“-Schreibweise, die im Roman merklich oft angewendet wird, ist anfangs nett, bald aber recht ermüdend. Einen drastischen Dämpfer verpasst auch Judiths Auszubildende Bianca, die in ur dem coolen Slangspricht, der mal ur volle arg nicht auszuhalten ist.
„Oder ist es wegen Ihrem Exfreund?“, fragte Bianca. Judith richtete sich auf und schaute das Lehrmädchen erstaunt an. Bianca: „Der ist noch immer superlästig, stimmt's?“ Judith: „Ja, das ist er.“ Bianca: „Manche brauchen eben volle lang, bis sie's begreifen.“ Judith: „Er beobachtet mich. Er folgt mir auf Schritt und Tritt. Er weiß alles, was ich mache.“ Bianca: „Echt? Superarg bitte. Wie ein Gespenst.“
Das wirkt volle arg nicht authentisch. Generell wird, sobald die Beziehung von Judith und Hannes kippt, die Handlung immer chaotischer und die Gedankengänge Judiths immer weniger nachvollziehbar. Wenn dann am Ende alle wirren Handlungsstränge in einem finalen Höhepunkt der Abstrusität zusammenlaufen, will man eigentlich nur noch mit dem Kopf schütteln.

Man mag seine Erwartungen an Daniel Glattauer nach den wirklich gelungenen Romanen „Gut gegen Nordwind“ und „Alle sieben Wellen“ hoch ansetzen - sollte man aber vielleicht besser nicht.

Ewig dein

224 Seiten, € 10,00, Taschenbuch
Goldmann, ISBN 978-3442478811

→ Leseprobe→ kaufen
Rezensiert von Rike Zierau