Rafik Schami: »Erzähler der Nacht«

Es ist schon eine seltsame Geschichte: Der Kutscher Salim wurde stumm.

Ein alter Kutscher aus Damaskus, der immer die besten Geschichten zu erzählen wusste, wird auf märchenhafte Weise stumm. Seine sieben besten Freunde besitzen die Macht, ihm die Sprache zurückzugeben, nur müssen Sie erst herausfinden, wie.
Mit einer schier unendlichen Menge an Geschichten und Geschichtchen gespickt, wird Salims Leben und das seiner Freunde so farbenfroh illustriert, wie simples Beschreiben es nie vermögen könnte. Das Buch ist wie ein großes Stimmengewirr, bei dem man sich mal auf die eine, mal auf die andere Stimme einlässt, aber immer nur so lange, dass man die anderen Stimmen nicht überhört.

Die Lebensgeschichte Salims ist der Rahmen, der ähnlich wie Hauffs »Märchen. Almanach für höhere Söhne und Töchter« nur ganz zu sehen ist, wenn man einen Schritt zurück tritt und die lauten, bunten, kurzweiligen Geschichten darinnen ein bisschen verblassen lässt. Was dann zum Vorschein kommt, ist fast erschreckend: Das traurige Leben eines armen Wittwers, dem die Rente, die gewohnte Lebensweise und alles Lebensglück versagt wird. Diese Geschichte ist zwischen dem Lärm, den Farben und Gerüchen Damaskus‘ kaum zu hören.
Doch ist es genau diese Erzählweise, die einen zuhören macht, wo man sonst schnell die Ohren verschließen würde: Rentnergebrechen, Kinder, die ihre alten Eltern nicht pflegen, der Nahostkonflikte der späten 50er und frühen 60er Jahre, die harte Gesetzgebung, die jahrhundertealte Traditionen gewaltsam zerschlägt, menschenunwürdige Wohnverhältnisse und verlorene Träume und Hoffnungen. Trotz der Ernsthaftigkeit der Rahmengeschichte kommt nie eine Schwere auf, eher im Gegenteil: man gerät in Hochstimmung, fühlt sich beflügelt.

Die Erzählkunst steht in diesem Buch ganz vorne. Und tatsächlich: Jedem, der zu Wort kommt, wird ein eigener Erzählstil zugewiesen, und alle fügen sich unglaublich weich ineinander. Mit einem Augenzwinkern werden selbst die Worte, die das Feuer dem Holz zuzischt um es zum Brennen zu verführen oder die Klänge der Gewürze wiedergegeben. Doch nie ohne doppelten Boden, viel Weisheit und noch mehr Liebe.

Kreuzkümmel, Kardamom und Koriander triumphierten aufdringlich über alle anderen Gewürze, doch immer wieder meldetet sich Thymian aus den Bergen Syriens mit nicht überhörbarer Sturheit und tiefer Stimme. Der Zimt flüsterte süßlich und verführerisch zwischendurch, wenn die Herrscher der Gewürze nicht aufpassten. Nur die Safranblüten verließen sich stumm auf die Verlockung ihrer leuchtend gelben Farbe.
Lügen und Gewürze sind Geschwister. Die Lüge macht jedes Fade Geschehen zum würzigen Gericht. Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit wollen nur Richter hören. Aber genau wie die Würze soll die Lüge das Geschehen abrunden. Nicht zu wenig aber auch nicht zuviel machen dessen Genuss köstlich.

Erzähler der Nacht
von Rafik Schami

276 Seiten, € 10,00
(gebunden)

ISBN 978-3407810908
erschienen bei Beltz

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