Die Welt im Rücken

Ich möchte Ihnen von einem Verlust be­richten. Es geht um meine Bibliothek. Es gibt diese Biblio­thek nicht mehr. Ich habe sie verloren.
Es gibt Bücher, die liest man wie im Rausch, die fesseln einen an sich und lassen nicht mehr los bis zur letzten Seite – oder noch über diese hinaus. Sie schlagen ein wie Bomben, sie beschäftigen so sehr, dass sie Gesprächsstoff werden für viele Stunden weit ausschweifender Unterhaltungen, weil sie die eigenen Gedanken so sehr umklammern und beflügeln.

Auch „Die Welt im Rücken“ ist eines dieser Bücher. Es fesselt, es bindet, es krallt – und gleichermaßen beklemmt, verstört und zerreißt es. „Die Welt im Rücken“ ist beeindruckend und gleichzeitig völlig niederschmetternd. Es ist der Versuch des Autors und gleichermaßen Ich-Erzählers Thomas Melle, seine bipolare Erkrankung begreifbar zu machen. Es ist der Bericht eines Manisch-Depressiven, der sein Seelenleben in aller Ausführlichkeit seziert. Stück für Stück tastet sich Melle dabei an das eigentlich kaum Fassbare in seinem Inneren heran, an die Lebensumstände und Gedankenkonstrukte, die ihn nach und nach in eine paranoide Psychose treiben, ihn wahnsinnig werden lassen.
Es ist nicht einfach, diese Art von Wahn anschaulich zu beschreiben, denn es gibt da nichts Anschauliches.
Und doch gelingt Thomas Melle genau das – und das erschreckend gut. Er zeichnet nach, wie in ihm, dem jungen Schriftsteller und Literaturstudenten, durch Textveröffentlichungen und Diskurse im ebenfalls noch jungen Internet Ende der 1990er Jahre eine immer stärker werdende Geltungssucht erwächst, die krampfhaft nach einer Bühne zur Selbsterhöhung sucht. In Internetforen trifft er auf andere Literaten und fängt an, in deren Texten Anspielungen auf sich selbst zu sehen, erkennt sich als literarische Vorlage wieder. Interpretationen, aus denen schnell Überinterpretationen werden.
Die Romantik des Irren, etwas Besonderes zu sein: Wurzel allen Irrsinns.
Die Vorstellung, dass er die Inspirationsquelle aller anderen ist, lässt ihn nicht mehr los – und nach und nach sieht er nicht nur in literarischen Texten Hinweise darauf, sondern faktisch überall. Die Reklame, die ihn von den Wänden her auslacht, meint nur ihn, die Nummernschilder der Autos übermitteln ihm Botschaften, die Schlagzeilen in Zeitungen beziehen sich auf ihn, das ganze Weltgeschehen dreht sich ausschließlich um ihn.

Sein Wahn treibt immer skurrilere Blüten, bis Melle sich irgendwann als den Messias höchstselbst ansieht. Er entrückt der Welt immer mehr und handelt immer weniger nachvollziehbar, rennt scheinbar ziellos durch die Stadt und redet wirr Passanten an, stört Konzerte, Lesungen, Theaterproben, stößt Freunde vor den Kopf durch sein abstruses Verhalten, zerstört Wohnungen, schreit, wütet, rastet aus. Manie. Paranoia. Psychose.
Das Drama, das eine erste Psychose auslöst, ist erheblich. Für einen selbst ist es ein unbegreiflicher, allumfassender Kick, der einen in himmelschreiende Sphären schleudert; für Freunde und Familie ist es die blanke Tragödie. Aus dem Nichts wird da einer, den man anders kennt, verrückt, buchstäblich verrückt, und zwar genauer, realer, peinlicher, als es in den Filmen, den Büchern gezeigt wird, wird wahnsinnig wie ein wildäugiger Penner, der den Straßenverkehr beschimpft, wird dumm, töricht, unheimlich. Aus dem Nichts wird der Freund zum Fremden an sich.
Als irgendwann der „klare Verstand“ wieder in ihm aufflackert und ihn erkennen lässt, wie weit neben der Spur er sich befindet, wohin die Manie ihn getrieben hat, reißt ihn diese Erkenntnis unmittelbar in den Abgrund – auf die andere Seite der bipolaren Erkrankung: die Depression. Das Bewusstsein all seiner Handlungen und Peinlichkeiten wird unerträglich, lähmt ihn, stürzt ihn in Suizidgedanken.

Wahn, Depressionen und „vorübergehende Heilung“ wechseln einander ab. Insgesamt drei, jeweils monatelang anhaltende Manien mit darauffolgenden Depressionen bilden die drei großen Kapitel dieses Buchs, das kein Roman ist, sondern der autobiografische Tatsachenbericht eines Manisch-Depressiven. Die rasante Achterbahnfahrt seiner Psyche bringt Melle ein ums andere Mal in die Psychiatrie, aus der er sich gegen den ärztlichen Rat ein ums andere Mal selbst entlässt. Der Taumel geht weiter.

„Die Welt im Rücken“ ist ein 350 Seiten starker Krankheitsbericht, mit dem Melle sich erklären und gleichzeitig freischreiben will von dem Ballast seines ‚ganzen verfluchten Lebenskomplexes‘, wie er es nennt.
Im Englischen gibt es die bekannte Wendung ‚the Elephant in die Room‘. Sie bezeichnet ein offensichtliches Problem, das ignoriert wird. Da steht also ein Elefant im Zimmer, nicht zu übersehen, und dennoch redet keiner über ihn. […] Meine Krankheit ist ein solcher Elefant. Das Porzellan (um ihn gleich durch sein zweites Bild stampfen zu lassen), das er zertreten hat, knirscht noch unter den Sohlen. Was rede ich von Porzellan. Ich selbst liege drunter.
„Die Welt im Rücken“ ist die versuchte Bändigung des Elefanten. Melle beschreibt und analysiert alles, auch die peinlichsten Handlungen, zu denen sein Wahn ihn getrieben hat – stets verbunden mit der Scham der Retrospektive, aber ohne Rücksicht auf Verluste gegenüber der eigenen Reputation als Schriftsteller und als Mensch. Dabei hält er nicht nur sich selbst den Spiegel vor, sondern dem Leser, der Gesellschaft, dem Literaturbetrieb, dem Internet gleich mit. Melle arbeitet den schmalen Grat zwischen dem, was noch als exzentrisch gelten kann und dem Wahn heraus. Er zeichnet diese Grenze nach bis er sie schließlich durchbricht.

„Hier geht es nicht um Abstraktion und Literatur, um Effekt und Drastik“, schreibt Melle zu Beginn. Und doch erreicht er durch seine Schonungslosigkeit genau das: ein eindringliches, drastisches Porträt eines zerrissenen, zersprengten Seelenlebens. „Die Welt im Rücken“ lässt den Leser zum Buch fliegen wie die Motte zum Licht, es erzeugt einen Sog, der für manchen vielleicht sogar gefährlich sein kann, dem man aber kaum entkommt.

Die Welt im Rücken

352 Seiten, € 12,00, Taschenbuch
Rowohlt, ISBN 978-3499272943

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Rezensiert von Rike Zierau am 11. Februar 2021