António Lobo Antunes: »Die natürliche Ordnung der Dinge«

Bis ich sechs Jahre alt war, Iolanda, kannte ich weder die Familie meiner Mutter noch den Duft der Kastanienbäume, den der Septemberwind von Buraca herüberwehte mit dem Geruch der Schafe und Ziegen, die, von einem Alten mit Schirmmütze und den Stimmen der Toten vorwärts getrieben, über die Calçada zum aufgelassenen Friedhof hinaufsprangen.

Dieses Buch führt den Leser auf die Spuren einer portugiesischen Familie, auf eine rasante (und das ist hier durchaus ernst zu nehmen) Achterbahnfahrt zwischen Kindheit und Jetzt, von einer Generation in die nächste. Nach und nach taucht man tiefer in die Verzweigungen der einzelnen Familienmitglieder ein und erlebt Geschehnisse und Momente aus den Augen der anderen noch einmal ganz anders. Die Perspektiven wechseln fließend, jede einzelne Seite ist ein eigener kleiner Kosmos voller Details und ein fantastischer Bilderrausch.

Ich steige aus dem Bett, ziehe die Rollläden etwas hoch, und die Lichter von Alcántera strecken sich, auf der Suche nach Fischen im Schaum, bis hin zu den Docks und zum bootsübersäten Tejo. In diesem AUgenblick der Nacht, der vom Untergang und Aufgang der Sonne gleichweit entfertn ist, gibt es auf dem kleinen Platz keinen Verkehr, und die Ampeln, die von Rot zu Grün wechseln, befehligen Schatten.

Die Szenen wirken surreal und vernebelt. Über allem liegt zu jeder Zeit eine fast beklemmende Art von Nostalgie, die sich eng an Lobo Antunes‘ dahinfließende Sprache schmiegt. Und gerade diese intensive und äußerst komplexe Sprache mag anfangs ein echtes Hindernis darstellen (und Sätze, die sich über drei Seiten erstrecken, sind durchaus keine Seltenheit), Man braucht Zeit, um sich all diesen Worten in ihrer geballten Kraft zu stellen. Doch sollte man einen Versuch wagen und sich einfach mit dem Assoziationsfluss treiben lassen. Man wird belohnt mit einem so unglaublich realen Eindruck vom Portugal des 20. Jahrhunderts, dass man denken könnte, man sei wirklich schon einmal dort gewesen und in den frühen Morgenstunden vom Tejo geweckt worden.

Die natuerliche Ordnung der Dinge von Antonio Lobo Antunes

Die natürliche Ordnung der Dinge
von António Lobo Antunes

übersetzt von Maralde Meyer-Minnemann

352 Seiten, € 9,50
(broschiert / kartoniert)

ISBN 978-3442733897
erschienen bei btb Verlag

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