Sándor Márai: »Die Nacht vor der Scheidung«

Zu Anfang September war es noch sehr heiß.

Christoph Kömüves ist Richter, Scheidungsrichter, um genau zu sein. Er lebt mit seiner Familie in Budapest, er ist vielleicht sogar ein gottesfürchtiger Mann. Auf alle Fälle aber weiß er, wo sein Platz ist in dieser Welt, er ist rechtschaffen, er führt sein Amt aus, weil er von der Richtigkeit der Gesetze überzeugt ist. Er hat sich nie etwas zu Schulden kommen lassen, er ist ein guter Mensch.
Am folgenden Tag soll er die Ehe zwischen seinem alten Schulfreund Imre und dessen Frau Anna trennen. Als er den Namen von damals wiedererkennt, überkommt ihn für kurze Zeit die Erinnerung an früher, doch er versucht sie bis zum nächsten Tag zur Seite zu schieben. Bloß nicht sentimental werden, keine privaten Erinnerungen mit in den Fall hineinbringen.

Doch als er am späten Abend von einer Gesellschaft nach Hause zurückkehrt, erwartet ihn Imre in seiner Wohnung. Er will ihm beichten, er muss ihn sprechen, noch vor der morgigen Verhandlung und auf jeden Fall noch in dieser Nacht. Diese eine Nacht muss er dem alten Freund nehmen, denn es gibt noch vieles zu sagen: Nicht nur, dass Imre wenige Stunden vorher seine Frau getötet hat; er muss die Geschichte ihrer Ehe noch erzählen, für dessen Scheitern Christoph indirekt eine größere Rolle gespielt hat, als man es vielleicht ahnen würde. Anna war zwar Imres Frau, sie haben sich geliebt, wie sich zwei Menschen nur lieben können – doch in ihrem tiefsten Innern war nur Platz für Christoph, einen Mann, mit dem sie nur vier kurze Begegnungen verbanden.
Also beginnt Imre zu erzählen, und Christoph sitzt da, spielt mit einem Papiermesser, rührt sich stundenlang nicht auf seinem Platz und nimmt diese ganze, lange Geschichte einer Liebe zwischen zwei Menschen und einem fast unsichtbaren Dritten in sich auf.

Jeder, der liebt, ist eifersüchtig.

Dass Sándor Márai ein wirklich begnadeter Erzähler ist, beweist er in dieser Geschichte wieder einmal aufs Neue. Er ist ein Meister der Monologe, Stück für Stück bringt er die Figuren voran, ohne aber jemals zu treiben. Als Leser hat man das Gefühl, man sitze selbst in dem dunklen Zimmer beim Schein der Lampe, hier existiert nichts außer der Sprache und einem, der sich gänzlich preisgibt. Kein Geräusch dringt von außen hinein, diese Erzählung ist wie ein Sog, aus dem es kein Entkommen gibt. Und das Bewundernswerte ist: Alles ist voller Vorsicht, es passiert nichts einfach so. Alles entwickelt sich spürbar weiter, als könne man den Gedanken bei ihrer Entwicklung zusehen.
Obwohl Anna nicht auftritt, scheint es einem am Ende doch fast so, als sei man ihr das ganze Buch über begegnet. So genau wird sie charakterisiert, ihr ganzes Wesen wird ausgelotet – und Imres selbst bleibt dabei weitesgehend im Dunkeln, obwohl er unablässig spricht. Dieser dramaturgische Kniff ist es auch, den ich an Márai so sehr schätze: Seiner Erzählweise haftet stets eine ganz leise Gleichgewichtsverschiebung an, und über allem schwebt zu jeder Zeit der romantisch-angestaubte Hauch einer Gesellschaft, die für uns heute wohl undenkbar wäre.
Sándor Márais Bücher sind immer auch eine Reise in die Vergangenheit und die Vergänglichkeit des menschlichen Glücks. Und dieses eine besonders beeindruckende.

Ich weiß, es bedeutet schon sehr viel, wenn ein Mensch nicht allein ist.

Die Nacht vor der Scheidung
von Sándor Márai

übersetzt von Margit Ban

224 Seiten, € 8,90

ISBN 978-3492245449
erschienen bei Piper

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