Maya Rasker: »Wenn du eine Landschaft wärst«

Wann weiß eine Frau, dass sie dem Mann ihres Lebens begegnet ist? Ich weiß es nicht.

Der Titel dieses Buches ist einem niederländischen Gedicht entnommen, wie im Anhang zu lesen ist; die Hauptkulisse für Maya Raskers Romanerstling bilden die spanischen Pyrenäen, und dort, zwischen Bergen und Wiesen und Schluchten brennt sie ein beeindruckendes schriftstellerisches Feuerwerk ab. Im Grunde genommen ist es nichts weiter als die alte Liebesgeschichte zwischen einem Mann und einer jüngeren Frau, die sich auf einer Exkursion kennen lernen. Abel hat schon vor einiger Zeit sein Geologiestudium abgebrochen und sich in diese faszinierende Einöde zurückgezogen. Nun taucht Xenia auf, eine Studentin, die ihn von der ersten Sekunde an durch ihr scheinbar unnahbares Wesen anzieht. Die beiden knüpfen zuerst losen Kontakt, finden aber schon bald weiter zueinander, bis die Landschaft sie ganz plötzlich bis an ihre Grenzen treibt und sie sich für lange Zeit aus den Augen verlieren.
Jahre später treffen sie in Amsterdam wieder aufeinander, doch von dem, was zwischen ihnen einmal war, ist auf den ersten flüchtigen Blick nicht viel übrig geblieben. Sie scheinen selbst nicht genau zu wissen, wie sie dieses Damals beschreiben sollen. Jeder für sich hat sein Leben weitergelebt, den anderen aber hat bis heute keiner von beiden vergessen können; und nachdem Xenia das große Geheimnis der letzten Jahre gelüftet hat, wagen sie ein wenig unbeholfen den Versuch, ihre Gefühle füreinander noch einmal neu zu entdecken.

Ich sagte: Ich halte dich fest, ich nehme dich für immer mit. Und sie sagte: Wenn ich nicht zurückkomme, bin ich weg. Das Flugzeug ließ die Motoren bereits warmlaufen, die Bahn war gefegt fürs Anrollen, ich hatte ihre Hand losgelassen, damit ich nicht in dem Augenblick, da sie hinter dem Zoll verschwinden würde, nicht dann ihre Hand loslassen musste, zum allerletzten Mal diese Hand aus meinen Fingern gleiten lassen musste, wollte das für immer vermeiden, indem ich es schon vorher abschnitt. Ich will dich nicht mehr spüren, sagte ich, du tust mir weh.
Dann gab es einen Kuss.
Dann war sie weg.

Das Beeindruckendste an diesem Buch ist seine Sprache, die mit so vielen verschiedenen Schattierungen arbeitet, nie gleich bleibt und nie langweilt. Es gibt ausufernde Landschaftsbeschreibungen, wissenschaftliche Erörterungen und platteste Vulgaritäten. Die Sprache atmet regelrecht, man kann sie beinahe beim Wachsen beobachten. So bemüht und vorhersehbar die Geschichte selbst an vielen Stellen wirkt, so erfrischend neu und nuancenreich sind im Gegensatz dazu die Worte, in die das alles eingebettet wird.
Maya Rasker hat hier einen großen und trotz seiner Weite beklemmenden Roman vorgelegt, in dem sie feinsinnig, aber mit scharfen Ecken und Kanten von der Sehnsucht nach Liebe erzählt.

Wenn du eine Landschaft wärst
von Maya Rasker

übersetzt von Helga van Beuningen

288 Seiten, € 9,00
(broschiert / kartoniert)

ISBN 978-3442740239
erschienen bei btb

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