Édouard Louis: »Das Ende von Eddy«

An meine Kindheit habe ich keine einzige glückliche Erinnerung. Das soll nicht heißen, ich hätte in all den Jahren nicht einmal Glück oder Freude empfunden. Aber das Leben ist totalitär: Es eliminiert alles, was nicht in sein System passt.

Ein starker Start in eine Geschichte, die dem geneigten Leser in feinster Marketing-Manier unter anderem als Befreiungsschlag angepriesen wird. Schade nur, dass der Rest des Romans nicht hält, was der Anfang verspricht – doch der Reihe nach:

‹Das Ende von Eddy› zeichnet ein Bild einer unerträglichen Kindheit voller Vorurteile und Missverständnisse. Das Leben in der nordfranzösischen Provinz nämlich ist für ebenjenen Eddy ein ziemlich trostloses: Unser Protagonist hat so seine Probleme mit Frauen, Männer findet er viel spannender. Dass eine solche Neigung im heteronormativen Dorfleben, wo man als „richtiger Kerl“ ganz klassisch in der Fabrik arbeitet und als Frau und Mutter artig zuhause bleibt und den Haushalt schmeißt, nicht unbedingt auf Verständnis stößt, kann man sich vorstellen. Für Eddy ist der Umgang mit seinen Altersgenossen ein Versteckspiel, das morgens im Schulflur beginnt und abends vor dem Fernseher endet, wo sich Vater und Sohn anschweigen, da es nichts zu sagen gibt.

Eddy unternimmt im Laufe der Geschichte mehrere Versuche, sich seinem Umfeld anzupassen: Seine Stimme ist zu hoch, also zwingt er sich dazu, tiefer zu sprechen; er kämpft gegen den zu auffälligen Hüftschwung an und beginnt, die Namen aller Spieler der Nationalmannschaft auswendig zu lernen, obwohl ihn Fußball nicht die Bohne interessiert – alles nur, um weniger aufzufallen und in dem Bemühen, gegen seine Neigung anzukommen. Seine Beziehungen zu Mädchen sind Farcen, sein Verhältnis zu seinen Eltern ohnehin vergiftet und gestört. Es ist halt alles nicht so einfach in der Pubertät.

Vielleicht bin ich gar nicht schwul, nicht, wie ich gedacht hab
Vielleicht hab ich nur immer schon so einen Bürgerkörper gehabt
War gefangen in der Welt meiner Kindheit

Nur: Das Ganze erinnert sehr unangenehm an Schullektüre. Eines der Bücher, an die man sich später entweder gar nicht (weil sie so schrecklich banal waren) oder mit Schaudern (weil sie so unfassbar schlecht waren) zurückerinnert. Während die Charakterportraits der Eltern doch einiges an Farbe abbekommen (und noch mit zu den lesenswerteren Stellen zählen), bleibt Eddys Geschichte selbst doch ziemlich grau: Erwachsenwerden unter erschwerten Bedingungen, Pseudo-Freundschaften und schlussendlich natürlich der angekündigte Befreiungsschlag, wenn Eddy schließlich aufs Gymnasium wechselt und seinem Dorf- und Kindheitskäfig entkommt. Neben den plakativen Klischees der Geschichte (natürlich hat die Familie kein Geld, damit Eddys Außenseiterdasein auch seine volle Kraft entfalten kann) ist das größte Problem der Geschichte, dass alles einfach so dahinplätschert. Der Handlung fehlt die Kraft, dieses Kindheitsfiasko über mehr als drei Kapitel zu tragen. Und so ist das alles unterm Strich zwar ganz nett zu lesen, berührt einen aber auch weiter nicht.

Das Ende von Eddy
von Édouard Louis

übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel

208 Seiten, € 18,99
(gebunden)

ISBN 978-3-10-002277-6
erschienen bei S. Fischer

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