Uwe Timm: »Am Beispiel meines Bruders«

Erhoben werden – Lachen, Jubel, eine unbändige Freude – diese Empfindung begleitet die Erinnerung an ein Erlebnis, ein Bild, das erste, das sich mir eingeprägt hat, mit ihm beginnt für mich das Wissen von mir selbst, das Gedächtnis: Ich komme aus dem Garten in die Küche, wo die Erwachsenen stehen, meine Mutter, mein Vater, meine Schwester. Sie stehen da und sehen mich an.

Ein Stück sehr privater Erinnerung scheint man mit „Am Beispiel meines Bruders“ von Uwe Timm in den Händen zu halten. Auf knapp 160 Seiten nähert sich der Autor vorsichtig und kritisch der Geschichte seiner eigenen Familie, ausgehend von kurzen Tagebuchskizzen und Briefen seines 16 Jahre älteren Bruders Karl Heinz, der sich im Zweiten Weltkrieg freiwillig der SS anschloss und 19-jährig in der Ukraine fiel. Timm zeichnet so die Lebenswege seines Bruders, seiner Schwester und seiner Eltern nach, und dahinter versteckt und mit ihnen verwoben seine eigene Kindheit und Jugend.
Schon auf den ersten Seiten wird deutlich, dass es sich bei diesem Text um keinen gewöhnlichen Roman handelt, sondern um eine sehr persönliche, autobiographische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und in fast gleichem Maße mit der Geschichte der deutschen Gesellschaft der späten 1940er und der 1950er Jahre.

Dabei schafft Uwe Timm es, seine Familie einerseits aus der emotionalen Sicht des Sohnes und Bruders darzustellen, andererseits aber auch aus der kritischen Sicht des im Nachkriegsdeutschland aufgewachsenen Mannes, der die Handlungen der Eltern hinterfragte und in der Studentenbewegung aktiv wurde. Er versucht, sich die Charaktere der Familienmitglieder aus Erinnerungsstücken und Briefen zu erschließen. Insbesondere den autoritären Vater betrachtet er so von einem sehr distanzierten Blickwinkel aus:

Manchmal, sehr selten, ist er mir nahe.

Ein Foto, an der Oberfläche brüchig und bräunlich, zeigt ihn – es wird im Baltikum aufgenommen worden sein –, er steht vor einer Bauernkate im Schnee, die Uniformmütze auf dem Kopf, in Uniform und Stiefeln. Er steht da und lacht. Eine Ähnlichkeit, die auf eine eigentümliche Weise uns aufhebt, meinen Sohn und mich, zumindest auf diesem kleinen Foto und aus der Distanz der Kamera.

Timm zeichnet eigene Erinnerungsbilder nach, verknüpft mit Ausschnitten aus Frontbriefen, aus Tagebuchtexten, aus zeitgeschichtlichem Material. Er schreibt wie in einem einzigen Gedankenfluss von Erinnerungsbild zu Erinnerungsbild, fürchtend die „Kausalketten“, die alles im Nachhinein zwar verknüpft erscheinen lassen, die in der eigenen Erinnerung aber auch Erlebtes verdrehen, täuschen können.

Das war einmal ich, der Fünfjährige in seinem grauen Mäntelchen, der die Hacken zusammenschlug und einen Diener machte. Der Geruch nach verschwitztem Leder, das war der Vater. Ein fremder Mann in Uniform liegt eines Tages im Bett meiner Mutter. Das ist die erste Erinnerung an den Vater.

Uwe Timms Vater war Soldat in beiden Weltkriegen, errichtete nach dem Zweiten Weltkrieg mühsam eine eigene Kürschnerei und Pelznäherei, die der Sohn später weiterführen sollte, die sich in der aufstrebenden Zeit des deutschen Wirtschaftswunders aufgrund zu groß werdender Konkurrenz jedoch immer tiefer verschuldet.

Ich kam von meiner Lehrfirma – die durch billige Zukäufe ‚arisierter‘ Betriebe zum größten Kürschnergeschäft in Hamburg geworden war – am späten Nachmittag nach Hause, das heißt in das väterliche Geschäft, und – eines der deutlichen Erinnerungsbilder – der Vater blickte über die Ausbauerwand hinweg nach draußen, wartete auf Kundschaft. Wenn eine Passantin an das Schaufenster kam, trat er langsam ein, zwei Schritte zurück, um nicht gesehen zu werden.

„Am Beispiel meines Bruders“ ist ein sehr eindringliches Portrait: Eine Darstellung der Erwachsenen, die im Hin und Her der Ideologien versuchen, ihre eigene Geschichte hinter sich zu lassen oder anzupassen als jene, die ’noch einmal so davon gekommen sind‘. Gleichermaßen ist es ein Portrait der Nachkriegskinder, die sich auf der Suche nach der eigenen Identität gegen die Vergangenheitsverdrängung der Eltern auflehnen, die sich nicht einfach im Gegebenen arrangieren wollen, ohne die Geschichte zu reflektieren – und in dem die 1968er-Prägung des Autors immer wieder deutlich hervorschimmert.

Der Leser verfolgt, wie der Autor am Sterbebett der Eltern sitzt, später auch am Sterbebett der Schwester. Er verfolgt, wie die Familie mit dem Tod des im Krieg gefallenen Sohnes umgeht, betrachtet glückliche und traurige Ausschnitte aus der Erinnerung des Autors, liest, wie der Autor Abschied nimmt von seinen Familienmitgliedern, auf eine sehr nahegehende Art und Weise. Dabei liest sich der Text insgesamt wie ein „Erinnerungsbilderbuch“: Es ist ein Hin- und Herspringen des Autors zwischen der Kriegs- und Nachkriegszeit, zwischen den Biographien des Vaters, des Bruders, der Mutter, der Schwester und der eigenen. Es ist eine Abrechnung mit der NS-Ideologie und der geschichtsverdrängenden Nachkriegsgesellschaft, es ist ein Versuch zu verstehen, wieso der so unbekannte Bruder sich freiwillig meldete zum Dienst in der SS – und es ist gleichzeitig eine Hommage an die eigene Familie, wie sie emotionaler vielleicht gar nicht sein könnte.
Ein sehr berührendes und aufwühlendes Werk, das auch sprachlich sehr gelungen und ausdrucksstark ist

Am Beispiel meines Bruders
von Uwe Timm

160 Seiten, € 8,90
(broschiert / kartoniert)

ISBN 978-3423133166
erschienen bei dtv

» Leseprobe

rezensiert von

Ein Kommentar zu “Am Beispiel meines Bruders”

  1. Horst Berger Antworten

    Es ist schon länger her, dass ich Uwe Timms Erinnerungen (u. a. an seinen Bruder) gelesen habe. Rike Strüwe hat den Ton ziemlich genau getroffen, der jetzt in mir nachklingt. Herzlichen Dank für Ihre Rezension, Frau Strüwe.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.