Dejan Enev: »Zirkus Bulgarien«

Wie sie so auf der Bank saß und die Tauben mit Brötchenkrümeln fütterte, erkannte Maria auf einmal, dass der Mann auf der Bank gegenüber unter schrecklichen Kopfschmerzen litt.

»Geschichten für eine Zigarettenlänge« lautet der Untertitel dieses Samnmelbandes, er enthält fünf Geschichtenbände aus der Zeit von 1994 bis 2005. Dieses Versprechen ist keinesfalls übertrieben, denn der Großteil der Erzählungen ist tatsächlich gerade einmal zwei, drei Seiten lang. Da schafft man problemlos eine Zigarette …

Wie das bei Zusammenstellungen so ist, sind bei den vielen Geschichten natürlich solche dabei, die mich wirklich umgehauen haben, und andere, die mich überhaupt nicht fesseln konnten. Das sind zwei absolute Extreme, aber wenn ich im Nachhinein so über das Gelesene nachdenke, muss ich tatsächlich gestehen, dass es nur das eine oder andere gab. Schade ist nur, dass diejenigen Erzählungen, die mich fast gänzlich unberührt zuückließen, in der Überzahl waren. Ich erinnere mich an kaum noch eine der vielen Geschichten, vieles war einfach plötzlich da und anderthalb Seiten später genauso plötzlich wieder vorbei. Und diese kurze Zeit hat nicht ausgereicht, um mich zu ködern. Es sind jetzt nur noch Bruchstücke in meinem Kopf übrig, ganz viele kleine, lose Szenen – und ich kann nicht einmal mit Gewissheit sagen, ob das jetzt gut oder schlecht ist. Natürlich kann man sich die schiere Masse an Eindrücken, die hier auf den Leser einströmen, nicht bis ins letzte kleine Detail merken. Auf der anderen Seite ist dieser Splitterkosmos, den ich jetzt in meinem Kopf mit mir herumtrage, auch ein ganz sonderbares und wohltuendes Gefühl. Ein bisschen wie der Trailer zu einem Film, in dem es um kleine Menschen geht, ihre kleinen Probleme und die Last der umso größeren Welt, die sie auf ihren Schultern mit sich herumtragen.

Als ich heimkam, war das ganze Haus voller Bienen. Sie bedeckten die Wände und die Decke, und von ihrem schrecklichen Summen sträöbten sich mir die Haare. Meine Frau lag im Bett, vom Kopf bis zu den Füßen von Bienen eingehüllt. Ich betrachtete sie entsetzt. Plötzlich, wie auf ein unsichtbares Zeichen, flogen sie von ihr auf, und ich sah, dass ihr Leib von schwarzen und goldgelben Bändern umwickelt war, ihr Haar war straff nach hinten gezogen, und ihre schönen Augen hatten einen leichten Silberblick. Ich wusste nicht, ob sie mich überhaupt sah. »Du musst weggehen, Liebster« , sagte sie plötzlich. »Sie werden bald anfangen, dich zu stechen. Ich habe sie gebeten, dich nicht zu töten, und sie haben es versprochen. Verliere also keine Zeit, geh mit Gott; Liebster, es war schön mit dir.«

Sprachlich sind die Geschichten wunderbar, etwas, das sich fast unbemerkt durch sie alle zieht, ist diese herrliche Lakonie; so als stünde beim Lesen ein Clown im Hintergrund. Ein trauriger Clown, der sich nicht entscheiden kann, ob er lachen oder weinen soll, wenn er sich die Menschen auf den Seiten ansieht.
Den Lektor dieses Buches möchte man zwar unerlässlich auf den Kopf schlagen, denn es wimmelt stellenweise nur so vor Übersetzungs- und Grammatikfehlern; für den Inhalt war der gute Mann ja aber glücklicherweise nicht verantwortlich.

Ein Zitat noch aus dem Nachwort von Dimitré Dinev, weil es so schön ist und dazupasst:

Das Wort, das von Mund zu Mund geht, erlischt erst dann, wenn auch der letzte Mund seinen Atem aushaucht. Es ist immer an ein Gesicht, eine Zunge, eine Stimme, einen Menschen gebunden. Es lebt, es atmet, und es ist jederzeit so warm wie der Körper.

Zirkus Bulgarien
von Dejan Enev

240 Seiten, € 17,90
(gebunden)

ISBN 978-3552060715
erschienen bei Deuticke

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