A. L. Kennedy: »Was wird«

Das Kino war winzig: zwölf Reihen tief von der schwarz behängten Wand und der verdunkelten Tür bis zur leeren Leinwand, die inzwischen anfing, ihn zu beruhigen, eine Art hängende Abwesenheit.

Wenn ich so drüber nachdenke, sind Kurzgeschichten im Gegensatz zu Romanen mit Abstand die schwierigere Erzählform: Viel weniger Zeit, die man als Autor zur Verfügung hat, um den Leser für sich zu gewinnen. Da kann man sich nicht die Freiheit nehmen, einfach mal ein paar Seiten lang herumzuschwafeln oder sich in ausufernden Landschaftsbetrachtungen zu ergehen. Einem guten Roman tut dieses Abschweifen (meist) keinen Abbruch, einer kurzen Geschichte aber kann schon ein überflüssiger Absatz allein das Genick brechen.

A. L. Kennedy scheint sich dessen vollkommen bewusst zu sein, und das Erstaunliche an diesem Buch ist, dass sie sich um diese Gefahr trotzdem nicht zu scheren scheint. Sie nimmt sich durchaus das Recht heraus, ihre Gedanken schweifen zu lassen, sie hat keine Angst davor, von der eigentlichen Spur abzukommen – und das muss sie auch gar nicht, denn die Anlagen ihrer kleinen Episoden sind zumeist so erfrischend, dass man ihr als Leser gebannt in jede beliebige Richtung folgt.
Schon die Schauplätze sind herrlich neu: Ein Schwimmbad, ein kleines verranztes Kino oder ein Wellness-Salzwasserbecken etwa. Die Figuren selbst sind herrlich unspektakulär, Menschen, denen man ihren Alltag wirklich glaubt. Keine auf Teufel komm raus ausgestellten Totalversager, keine x-mal gescheiterten Existenzen. Sie kommen ohne hochambitionierte Attribute aus, hegen keine verpassten Träume oder dergleichen. Es sind einfach nur Menschen, nichts weiter. Und gerade diese Einfachheit macht sie so wunderbar natürlich.

Und der Morgen war schon aus dem Gleichgewicht, aggressiv. Orange-rosa Licht war schon um vier drohend herangekrochen, der Sommer schob alles immer weiter in die Nacht, ob man wollte oder nicht, und das Bett war zu warm, und draußen baute sich etwas auf, was man einen richtigen Sturm nennen konnte, bis dessen Druck auf die Hausecke in ihren Schlaf drang, bis die Luft sich so heftig gegen die Fensterscheiben stemmte, dass sie selbst atemlos und unruhig wurde, von einem Hunger verfolgt, der suchte und stocherte.
(aus »Wespen«)

Spannungsgeladene Abenteuer gibt’s woanders, A. L. Kennedy sind die kleinen Gesten, die vorsichtigen Veränderungen im Alltag dieser Menschen, viel wichtiger. Auf eine neue, spannende Art und Weise sind viele dieser Episoden sogar regelrecht romantisch, aber ohne sich dafür altbekannter Klischees zu bedienen oder symolische Bilder aufblähen zu müssen. Sehr genau geht die Autorin hier vor, macht kleine Schritte und nimmt sich als Erzählerin selbst meist angenehm zurück – was aber nicht heißen soll, dass ihr Erzählstil womöglich langweilig wäre oder zweckmäßig. Sie schreibt einfache, aber gleichzeitig auch wunderschöne Sätze. Vulgarität und vorsichtige Poesie reichen sich immer wieder die Hand, und insgesamt entsteht dadurch ein sehr ausgewogenes Sprachbild, das sich dem Leser weder aufdrängt noch sich hinter dem eigentlich Erzählten versteckt.
Besonders lesenswert sind meiner Meinung nach die Geschichten »Edinburgh«, »Ehe« und »Konditorgold«, denn da erahnt man, welche Freude es Kennedy bereitet, gerade in Liebesgeschichten auf der gefährlichen Grenze zum Kitsch zu wandern, mit dieser Grenze zu spielen – und sie dann doch nicht zu übertreten.

Was wird
von A. L. Kennedy

übersetzt von Ingo Herze

224 Seiten, € 9,99
(broschiert / kartoniert)

ISBN 978-3596189533
erschienen bei Fischer

rezensiert von

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