Michel Houellebecq: »Unterwerfung«

In all den Jahren meiner traurigen Jugend war Huysmans mein Weggefährte, mein treuer Freund. Nie überkamen mich Zweifel, nie war ich versucht, ihn aufzugeben, mich einem anderen Thema zuzuwenden.

Et voilà, der neue Houllebecq ist da! Mit Pauken und Trompeten schlägt er landauf, landab in den dürren Blätterwald der Feuilletons ein. Auch ohne die beunruhigende Gleichzeitigkeit des Erscheinens dieses Buches mit dem Attentat auf das Satiremagazin Charli Ebdo wäre Houellebecqs jüngstes Werk die Bestsellerlisten empor geschossen, denn es trifft den Nerv der Zeit, es trifft die wundgelegenen europäischen Gemüter genau ins Mark. Doch zurück zu Charli Ebdo: Am tragischen Tag des Attentats auf die Redaktion des Satiremagazins prangte Houellebecqs Bild auf der Titelseite. Es zeigte ihn in einer Karikatur als Zauberlehrling. Der Vergleich passt, denn genauso wie der Zauberer beschwört auch er als Schriftsteller Realitäten und Geister mit Worten herauf. Dass Houllebecq ein begabter Zauberer der Sprache ist, ist spätestens seit seinem Roman »Elementarteilchen« einem größeren Publikum hinlänglich bekannt. Ob er jedoch die Geister, die er in »Unterwerfung« rief, wieder los wird, bleibt abzuwarten.

Houellebecq versetzt den Leser in das Frankreich des Jahres 2022. Es sind Präsidentschaftswahlen. Doch dieser Umstand ist anfangs beinahe nebensächlich, denn Francois, der Protagonist und Ich-Erzähler des Romans, hat weitaus existenziellere Probleme. Er ist ein Mittvierziger, der schnurstracks und sehenden Auges auf seine erste waschechte Midlife-Krise zu manövriert. Seine besten Jahre hat er hinter sich, so ist er sich sicher. Francois ist schlichtweg gelangweilt vom Leben und von der Banalität seiner eigenen Existenz, für die er immer weniger eine Rechtfertigung finden kann.

Der Ausdruck »Nach mir die Sintflut« wird mal Louis dem XV. zugeschrieben, mal seiner Mätresse, der Madame de Pompadour. Es beschreibt ziemlich gut meinen allgemeinen Geisteszustand, aber es war das erste Mal, dass mich ein unbehaglicher Gedanke durchfuhr: Was, wenn die Sintflut vor meinem eigenen Tode käme?

Und diese Sintflut kündigt sich im Leben von Francois in Form politischer Umwälzungen an. Francois ist im eigentlichen Sinne unpolitisch; das einzige, was ihn daran reizt, ist das Schauspiel, das in der Präsidentschaftswahl gipfelt und deren Ausgang er gewöhnlich mit zwei Flaschen Wein vergnügt vor dem Fernseher verbringt als sei es ein Endspiel der Fußballnationalmannschaft. Wahlkampf gewissermaßen als Dschungel-Camp für Intellektuelle. Niemand geht davon aus, das es in der politischen Landschaft Veränderungen geben könnte. Wie in den Wahlen davor, würde ein Mitte-Links-Bündnis in letzter Minute den Sieg des Front National unter Marine Le Pen als Spitzenkandidatin verhindern. Die Muslimische Bruderschaft könnte zwar das Zünglein an der Waage werden, doch das gilt als eher unwahrscheinlich.

Es bleibt spannend, die politische Atmosphäre ist aufgeladen und ein Gewitter liegt in der Luft. Spätestens hier hat Houellebecq den Leser vollkommen in den Bann der politischen Ereignisse gezogen. Was wäre, wenn der Front National gewinnt? Und was wäre, wenn die Bruderschaft der Muslime doch stärker werden sollte als gedacht? Auch Francois spielt diese Szenarien durch und muss sich natürlich fragen, was dies für sein Leben bedeuten würde.

Houellebecq lässt den Leser ganz nebenbei tief in das Seelenleben von Francois blicken. Er macht ihn förmlich nackt. Seine sexuellen Vorlieben werden genauso detailliert beschrieben wie die Verfallserscheinungen seines Körpers. Alkohol, Zigaretten, Sex und Literatur sind das einzige, das Francois am Leben hält oder ihn langsam aber sicher umbringt, je nachdem wie man es sehen will. Francois‘ Verhältnis zu Frauen ist kompliziert. Im wesentlichen reduziert er den Wert einer Beziehung auf den Grad der sexuellen Befriedigung, die er daraus erlangt. Der Rest ist Nebensache.

Das politische Gewitter, ja vielmehr ein Orkan, bricht sich bald Bahn. Die Bruderschaft der Muslime unter ihrem charismatischen Führer Mohammed Ben Abbes gewinnt die Präsidentschaftswahl im zweiten Wahlgang mit Unterstützung der etablierten Mitte-Links-Parteien. Der Vorsprung zum Front National ist hauchdünn, doch Marine le Pen ist gescheitert.

Das traditionelle politische System implodiert ohne nennenswerte Widerstände, denn Houellebecq beschreibt ein Frankreich, das reif ist für diesen Umbruch, das sich gewissermaßen danach sehnt. Das aufgeklärte, laizistische Frankreich ist sinnentleert und wehrlos. Mohammed Ben Abbes kommt als Visionär und hat ein leichtes Spiel. Auf dem Höhepunkt des Wahlkampfs kommt es zwar zu kurzen bürgerkriegsähnlichen Zuständen, denn die sogenannten Identitären – ein militanter Arm der Rechten – liefern sich mit ebenso gewaltbereiten jungen Dschihadisten ein kurzes Scharmützel. Danach ist alles ruhig. Frankreich verharrt in kurzer Starre, doch schon nach kurzer Zeit dringt der Islam in alle Bereiche der Gesellschaft. An der Sorbonne dürfen nur noch Männer lehren, die sich zum Islam bekennen. Frauen »dürfen« zurück in den Schoß der Familie, was soviel heißt wie an den Herd. Die Kriminalität sinkt und der Wohlstand der Gesellschaft wächst wieder. Soweit so einfach der Plot unseres Zauberlehrlings Houellebecq.

Das alles wird durchaus spannend erzählt. Houellebecqs intelligente Ironie, sein Sarkasmus und seine Lust daran, seine Charaktere bloßzustellen, machen das Lesen kurzweilig. Ja, man wird in den Bann der Geschichte gezogen, fiebert dem Ausgang entgegen und sieht sich dabei gezwungen, immer wieder Parallelen zum aktuellen politischen Geschehen in Frankreich und Europa zu ziehen. Das Erschreckende und Meisterhafte ist, dass Houellebecqs Szenario auf den ersten Blick durchaus real erscheint. Die Unterwerfung eines ausgelaugten ermüdeten Europas unter eine sinnstiftende Religion in Form des Islams. Die Unterwerfung des Mannes vor Gott und die der Frau vor allen beiden.

Über diesen Roman wurde bereits viel geschrieben. Die einen schimpfen Houellebecq als islamophob, die anderen jubeln über seinen Mut, die Dinge beim Namen zu nennen. Houellebecq selbst laviert und flüchtet sich in Zweideutigkeiten, und genau diesem Prinzip folgt er auch in »Unterwerfung«, denn jeder These stellt er eine Antithese gegenüber, lässt ein Urteil darüber aber frei. So trägt der Protagonist Francois eindeutig chauvinistische Züge. Er reduziert Frauen auf die Befriedigung seiner sexuellen Begierden, ihre Unterordnung unter den Willen des Mannes im neuen muslimischen Gesellschaftskonsens ignoriert er und letztendlich sympathisiert er sogar damit. Dem gegenüber stellt er die selbstbewusste und selbstbestimmte Myriam sowie eine Kollegin von Francois an der Sorbonne – Marie Francoise Tanneut, von der er sagt: »Ich mochte die unterhaltsame und über alle Maßen klatschsüchtig alte Hexe.« Weder die eine noch die andere unterwerfen sich dem neuen System. Myriam wandert nach Israel aus, Marie Francoise darf als Frau nicht mehr lehren, zieht sich zurück – eine Immigration ins Private. Francois‘ Frauenverachtung ist also partiell.
Ist Francois islamophob? Nein, keinesfalls. Denn auch hier stellt Houellebecq zwei Typen gegenüber, die auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein könnten. Nämlich keinen anderen als Huysmans, über den Francois promoviert hat und der in seinem Werk, »Gegen den Strich« der Dekadenz des ausgehenden 19. Jahrhunderts ein Denkmal setzte. Huysmans Kontrapart ist Roland Rediger, der sich aus dem reaktionär-neofaschistischen Dunstkreis der Identitären löst und zum Islam konvertiert. Beide faszinieren Francois, denn was Huysmans und Rediger gemeinsam haben ist ihre Erkenntnis, dass nur die Religion, der Glaube und die Unterwerfung des Individuums unter das Wort Gottes für den Menschen und die Gesellschaft das Beste seien. Ob Katholizismus oder Islam ist für Francois Nebensache. Ihn interessiert die Wandlung dieser beiden Personen. Francois sucht nach einer Rechtfertigung für das eigene Leben, nach Sinn nach einem Platz im Leben und das neue System. Die klaren, schlichten Regeln und Gebote scheinen ihm immer verlockender.

Immer wieder wird auch gemutmaßt, wie viel Houellebecq in seinen Protagonisten und in diesem Fall in Francois steckt. Zumindest in »Unterwerfung« ist die Frage klar zu beantworten (man lese dazu nur das Houellbecq-Interview in der ZEIT vom 22. Januar 2015): Houellbecq beschreibt sich in diesem Roman in einer für ihn durchaus denkbaren Zukunft selbst! Der Schlüssel zu diesem Buch ist die Erkenntnis, dass es kein Roman über den Islam ist, sondern ein Roman über das vereinsamte Individuum der säkularen, kapitalistischen Gesellschaft, das sich selbst an erste Stelle setzt und dem das Wort »Unterwerfung« fremd ist. Houellebecqs Utopie ist gefährlich, denn sie ist nichts anderes als ein Plädoyer gegen den aufgeklärten Humanismus und für die Unterwerfung des Menschen. Man muss Houellebecq sehr wörtlich nehmen und sollte in Zeiten der erstarkenden Rechtskonservativen und Nationalisten in ganz Europa gewarnt sein, denn auch diese Wünschen sich ihre Art der Unterwerfung, die sich in wichtigen Punkten mit Houellebecqs Utopie decken.

Fazit: Lest Houellebecq, diesen neuen Propheten des Abendlandes, diesen feuchten Traum Mohammeds, diesen Minnesänger eines Neo-Katholizismus und sein überaus geistreiches Psychogramm Europas.

Unterwerfung
von Michel Houellebecq

übersetzt von Norma Cassau

270 Seiten, € 22,99
(gebunden)

ISBN 978-3832197957
erschienen bei Dumont


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