Judith Hermann: »Sommerhaus, später«

Mein erster und einziger Besuch bei einem Therapeuten kostete mich das rote Korallenarmband und meinen Liebhaber.

Das Adjektiv, das alle diese Geschichten wohl am besten zusammenfasst und charakterisiert, ist »wehmütig«. Jede Geschichte erhält ihre Substanz aus der Vergangenheit, und diese Vergangenheit ist nie nur glücklich, sondern immer auch Ausdruck von Traurigkeit und Melancholie.

Der Winter erinnert mich manchmal an etwas. An eine Stimmung, die ich einmal hatte, an eine Lust, die ich empfand? Ich weiß es nicht genau. Es ist kalt. Es riecht nach Rauch. Nach Schnee. Ich drehe mich um und lausche auf etwas, das ich nicht hören kann, ein Wort liegt mir auf der Zunge, ich kann es nicht sagen. Eine Unruhe, weißt du? Du weißt. Aber du würdest sagen, alles, was namenlos ist, soll man nicht benennen.

Auch sprachlich schlägt sich diese allgegenwärtige Wehmut an so vielen Stellen nieder: Als Leser meint man, den Gedankengängen der erzählenden Figuren völlig nachspüren zu können, da bekommt plötzlich jedes kleine Komma seine Bedeutung, jede Wiederholung, jedes beinahe verschüchterte Fragezeichen unterstreicht dieses angestrengte Hadern mit sich selbst und der Erinnerung.

Dass die Geschichten zumeist eigentlich gar kein richtiges Ende haben, sondern plötzlich und unvermittelt abbrechen, wenn man gerade mitten in einem Eindruck gefangen ist, stört da keineswegs – nein, genau dieser abrupte Schluss ist es oft auch, der die Erzählungen zum Ende hin noch einmal einen großen Schritt nach vorn bringt. Die Phantasie wird beflügelt, und auch das ist ein Ausdruck von Wehmut: Dass die Erinnerung manchmal dort aufhört, wo der Schmerz des Erzählens ansonsten vielleicht unerträglich würde.

Der Künstler zieht Marie vom Stuhl hinunter auf den Boden. Marie hat irgendwann nur noch ihre hochhackigen Stiefel an, und dann auch diese nicht mehr. Auf der Bildfläche des Computers ist eine Bücherwand zu sehen, die Rückenlehne eines leeren Stuhls, ein Fenster, draußen ein dunklerer Himmel.

Auch Marcel Reich-Ranicki hat Judith Hermann schon als »hervorragende Autorin« gepriesen, ich kann mich ihm und all dem Lob von anderen uneingeschränkt anschließen. Und auch wenn ihre Geschichten (jedenfalls diese hier) manchmal gefährlich weit in Richtung Pop-Literatur abdriften, verlieren sie glücklicherweise doch nichts von ihrem Zauber, weil die Autorin höchstens kurz ausholt und innehält, aber nie abschweift. Ein wunderbares Buch für die letzten Momente des Winters.

sommerhausspaeter

Sommerhaus, später
von Judith Hermann

192 Seiten, € 7,95

ISBN 978-3596147700
erschienen bei S. Fischer


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