Haruki Murakami: »Kafka am Strand«

Dass wir alle zugrunde gehen und verloren sind, liegt daran, dass die Welt an sich auf Vergänglichkeit und Verlust beruht. Unsere Existenz ist nichts als ein Schattenriss dieses Prinzips.

In »Kafka am Strand« lässt Haruki Murakami einen existenzialistischen Zirkus vor unserem Geiste auffahren. Wir beobachten eine erlesene Auswahl von Freaks beim Aufbau der Manege, durchschauen nicht, worin ihre Verrücktheit besteht. Nur dass sie da ist, ist unverkennbar. Alles wird sorgfältig vorbereitet, jeder Knoten in dem engmaschigen Sicherheitsnetz wird doppelt festgezogen und dreifach überprüft. Wir ahnen, dass wir unsere Artisten fallen sehen werden, und uns beschleicht ein Gefühl von Unvorhersehbarkeit und ängstlicher Neugier. Sie sind rührend, und wir haben sie ins Herz geschlossen, noch bevor sie mit ihrer Show beginnen. Haruki selbst steht wie ein Dirigent in der Manege und scheucht seine Figuren liebevoll mit einem Wisch mit der Spitze seines Bleistiftes mal hierhin und dorthin. Es wirkt willkürlich auf uns, aber es entsteht ein Muster von übernatürlicher Präzision und Schönheit. Die Artisten beginnen mit ihren Kunstwerken. Kafka am Strand ist der Literatur gewordenen Cirque du Soleil. Und für alle, die an die Wahrhaftigkeit artistischer Darbietungen glauben und in Kartentricks noch Magie spüren, die werden die Geschichte des Kafka Tamura nicht in einem gedanklichen Paralleluniversum verorten, sondern hier bei uns auf Erden an die Existenz der diesem Märchen vorausgehenden Ereignisse glauben. Es ist eines dieser Bücher, bei denen es eine Ewigkeit dauert, bevor die letzte Seite zu Ende gelesen ist. Aus Angst davor, dass es vorbei ist. Dass wir nicht mehr Teil eines Schicksals sind, sondern das Schicksal Teil von uns wird, mit dem Rücken zu uns stehend, verborgen zwischen zerlesenen Buchdeckeln.

War die Art, wie man starb, nicht sogar wichtiger, als die Art, wie man lebte?

Murakami stellt die grundlegenden Fragen des Lebens. Und natürlich liefert er die Antwort gleich mit. Dieses Buch ist pure Philosophie, wer wissen will, was genau tatsächlich geschah, der wird sich schwer tun mit der Akzeptanz der Uneindeutigkeit. Wer in dieser aber das Potenzial der absoluten Freiheit erkennt, der wird Wahrheit finden auf den 637 Seiten.

Auch wenn es vorläufig so aussieht, dass deine Entscheidungen und Bemühungen vom Schicksal dazu bestimmt sind, ins Leere zu laufen, bleibst du doch am Ende unerschütterlich du selbst und sonst nichts. Du wirst dich als du selbst entwickeln, daran gibt es keinen Zweifel.

kafkaamstrand

Kafka am Strand
von Haruki Murakami

übersetzt von Ursula Gräfe

640 Seiten, € 10,99
(broschiert / kartoniert)

ISBN 978-3442733231
erschienen bei btb Verlag

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