Hanna Lemke: »Gesichertes«

Als Holm versuchte, mir zu erklären, wovor er Angst hatte, erzählte er eine Filmszene nach.

Warum gibt es nur so wenige Kurzgeschichtenbände, die mich etwas angehen? Welche, deren Erscheinungsdatum nicht schon 20 Jahre oder länger her ist. Mit diesem Fazit ausgestattet, verließ ich die Preisverleihung des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen 2010. So viele fantastische Beiträge waren darunter gewesen, manche mit einem Einschlag von Judith Hermann. Und Judith Hermann scheint denn auch die einzige zu sein, die mit Erzählungsbänden nennenswerte Lorbeeren ernten durfte ohne vorher eine Reihe an erfolgreichen Romanen publiziert zu haben. »Es kann doch nicht angehen«, dachte ich, »dass niemand mehr anständige Erzählungen veröffentlicht.« Die Literaturempfehlungen der FAZ belehrten mich eines Besseren. Dort stellte man das Debüt Hanna Lemkes vor. Geboren 1981 in Wuppertal, studierte sie am Deutschen Literaturinsitut Leipzig und
lebt dieser Tage in Berlin.

»Gesichertes« heißt ihr Buch mit Erzählungen und Stories steht unter dem Titel. Das fand ich zunächst ein bisschen albern, nach dem Lesen aber durchaus passend. Die Bezeichnung fügt sich in die Geschehnisse und Charaktere vollkommen nahtlos ein.
In »Gesichertes« gibt es nur wenige Eindeutigkeiten. Jede Begebenheit läuft auf den ersten Blick sang- und klanglos in Unerheblichkeit aus. Ganz egal wie sie heißen, Sander und Tilman, Libbets, Judith und Jockel, Hanna Lemkes Protagonisten sitzen alle im selben Boot. Sie hängen im luftleeren Raum kurz vor, mitten im oder direkt nach einem Studium, wissen nichts mit sich anzufangen oder zumindest nicht, wo es hingehen soll.

»Übrigens hat Papa mich letztens angerufen«, sagte Georg mit einem kleinen Lachen. »Er hat gefragt, ob ich das Elterngeld überhaupt noch bräuchte oder ob ich inzwischen anderweitig ein gesichertes Einkommen hätte.«
»Und, was hast du gesagt?«, fragte ich
Georg antwortete nicht. »Das fand ich nett, wie er das gesagt hat»«, sagte er nur. »Anderweitig ein gesichertes Einkommen.«

Sich festzulegen macht Angst, Freunde mit einem eingängigen Alltag noch mehr. Nichts darf wichtig, nichts darf groß sein. Hanna Lemke schafft mit wenigen und dennoch dichten Worten und Sätzen eine Art wattig-weiche Pseudorealität, nur ohne Behaglichkeit. Und obwohl es nicht so scheint, stellt sie ohne Pomp und Künstlichkeit unterschwellig doch immer auch die essentielle Frage nach Sinn.

Libbets schloss die Tür leise. Später klopfte ich bei ihr an. Ich wollte sie fragen, ob sie noch ein Glas Wein mit mir trinken wolle; ein letzter Versuch, dachte ich. Libbets hockte auf dem Boden neben ihren Kartons, als warte sie darauf, eingepackt und weggetragen zu werden.

Nur die Antworten bleiben aus. Die Charaktere scheinen das gar nicht schlimm zu finden und zucken am Ende ihres Auftritts nur mit den Schultern. »Halt! Moment! Es ist doch noch gar nichts passiert.,« will man rufen. So schnell ist es vorbei. Lediglich zehn bis zwölf Seiten umfasst eine Geschichte. Erklärungen, Hintergründe, Details zu den Charakteren sind Mangelware, aber man gewöhnt sich, weil das Wichtige doch im Gefühl der Unsicherheit liegt, das allen Stories gemein ist. Wenn man auf der letzten Seite angelangt ist, macht sich Enttäuschung breit. Darüber, dass dieses Buch nicht mindestens doppelt so dick ist. Und dann blättert man zurück und fängt noch einmal von vorne an, um alles zu entdecken, das nicht gesagt worden aber doch da ist.

Gesichertes
von Hanna Lemke

192 Seiten, € 17,90
(gebunden)

ISBN 978-3888976421
erschienen bei Kunstmann

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