Margriet de Moor: »Sturmflut«

Die eine, Lidy, stand am Fenster und schaute hinaus. Es war einer dieser Morgen mitten im Winter, wenn es gerade hell wird und der Sturm der vergangenen Nacht nicht mehr behaglich ist, sondern quengelig und nervend.

Niederlande, Februar 1953: Lidy und ihre Zwillingsschwester Armanda entschließen sich spontan dazu, für ein paar Tage die Rollen zu tauschen. Lidy soll zur Geburtstagsfeier ihres Patenkindes auf die Nordseeinsel Schouwen-Duiveland fahren, während Armanda daheim auf Lidys Mann und Kind acht gibt.

Doch noch in derselben Nacht wird Schouwen-Duiveland mit dem Rest der Region Zeeland von einer Jahrhundertflut heimgesucht, die diesen Teil der Niederlande von den Landkarten tilgt. Lidy, deren Erlebnisse sich kapitelweise mit denen ihrer Schwester abwechseln, kommt in der Flut um, während Armanda mit Mann und Kind zurückbleibt und sich in eine Rolle einzufügen versucht, die nicht die ihre ist.

Obgleich Lidys Geschichte ungleich kürzer ist als Armandas, deren ganzes Leben beschrieben wird, umfasst sie einen ebenso großen Teil des Romans, wodurch es Margriet de Moor gelingt, dem Leser die Unendlichkeit, die Angst und das Unfassbare der Stunden vor dem Tod zu vermitteln, gleichzeitig aber auch der Schuld, dem Bedrückenden und der Hoffnung Raum zu geben, die die Zurückgebliebenen allzeit mit sich tragen.

„Sturmflut“ lebt letzten Endes von der Tragik der Geschichte und weniger von der Sprache, die weder poetisch noch übermäßig sachlich ist, sondern auf angenehme Weise erzählend. Den Geschehnissen kommt der ihnen gebührende Raum zu und sie enden in einer angenehmen Stille, die den Leser berührt zurück ins Jetzt entlässt.

Sturmflut
von Margriet de Moor

352 Seiten, € 9,90
(broschiert / kartoniert)

ISBN 978-3423136358
erschienen bei dtv

rezensiert von

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