Muriel Barbery: »Die Eleganz des Igels«

„Marx verändert mein Weltbild total“, erklärte mir heute morgen der kleine Pallières, der mich sonst nie anspricht. Antoine Pallières, prosperierender Erbe einer alten Industriellendynastie, ist der Sohn einer meiner acht Arbeitgeber.

Renée Michel ist eine ältliche Concierge in einem Pariser Wohnhaus, dass acht begüterten Familien ein Zuhause ist, die ihr allerdings keinerlei Beachtung schenken und nicht einmal ihren Vornamen kennen. Sie wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf, hat den Tod ihrer Schwester, die von einem Jungen aus reichem Hause schwanger sitzen gelassen wurde und kurz nach der Geburt des Kindes starb, nie verwunden und ist bereits seit einigen Jahren Witwe. Nach außen hin spielt sie die einfältige Hausangestellte, verfügt allerdings über eine ungemein hohe Intelligenz und durchschaut das Schauspiel und den Hochmut ihrer Arbeitgeber Tag für Tag aufs Neue.

Paloma wohnt im gleichen Haus, ist 12 Jahre alt, ebenfalls hochintelligent und möchte sich angesichts dieser beschränkten Welt in naher Zukunft das Leben nehmen.

Somit hätten wir das fatale Szenario bereits zu Genüge umrissen und das Elend nehme seinen Lauf. Gleich zu Beginn des Romans fällt der erste große Name, der einen ganzen Rattenschwanz von Weiteren nach sich zieht (mit Vorliebe den von Tolstoi). Generell knausert die Autorin nicht mit handelsüblichen Klischees. So interessiert sich Renée selbstverständlich für Literatur, Philosophie und japanische Filme, Paloma führt gar Buch über ihre tiefgründigen Gedanken mit traditionell japanischen Gedichten als Einleitung. Schnöde Hausmannskost kauft die Concierge nur für ihren fettleibigen Kater Leo ein, während sie selbst sich heimlich an für intelligente Leute geziemenden Nahrungsmitteln gütlich tut.

Man schüttelt mit dem Kopf, fragt sich, ob überdurchschnittlich intelligente Menschen eingehen, wenn sie nicht hauptsächlich Klassik hören, schiebt den Gedanken dann aber beiseite in Erwartung einer großen Auflösung.
Die nicht kommen wird.
Mit der Protagonistin Renée wird man einfach nicht warm und auch Paloma, mit der sie sich später anfreundet, wirkt eher altklug als sympathisch. Stattdessen schwebt ein älterer Japaner wie ein Prinz aus dem Morgenlande in die Geschichte. Kakuro Ozu zieht in eine freigewordene Wohnung des Hauses in der Rue de Grenelle ein, auf dass er sie alle errette. Renée ebenso wie Paloma. Selbstverständlich hegt er keinerlei Vorurteile und durchschaut Renées Einfaltskostüm sofort. Die beiden freunden sich an, aber Ach! Renée ist sich nicht sicher, ob sie die Standesunterschiede überwinden kann. Statt der großen Liebe, die der Autorin anscheinend doch tatsächlich zu kitschig erschien, wählt sie einen ähnlich miserablen Schluss und lässt den Leser damit stehen wie bestellt und nicht abgeholt.

Man klappt das Buch zu, legt es, womöglich ungläubig dreinblickend, vor sich hin und fragt sich: „Das war es also jetzt? Und sie meint das alles auch noch völlig ernst?“ Hinter all dem Gerede über Intelligenz und der Ikonographie dessen, was heutzutage als elitär gilt, vermutete man 364 Seiten lang mehr. Eine große Wendung, die all das Plakative endlich ins rechte Licht rückt und es in den Dienst des Amüsanten stellt. Stattdessen bleibt „Die Eleganz des Igels“ doch wahrhaftig ein misslungener Versuch, zumindest in der deutschen Übersetzung, in gestelzter Sprache und konstruierter Handlung eine Geschichte um Intelligenz, Vorurteile und Außenseitertum glaubhaft zu machen. Warum das Buch derart großen Anklang findet, bleibt mir persönlich schleierhaft.

Die Eleganz des Igels
von Muriel Barbery

übersetzt von Gabriela Zehnder

384 Seiten, € 9,90
(broschiert / kartoniert)

ISBN 978-3423138147
erschienen bei dtv

rezensiert von

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