Kamel Daoud: »Der Fall Meursault«

M´ma lebt – immer noch.
Sie sagt zwar nichts mehr, aber sie hätte einiges zu erzählen. Anders als ich. Ich kann mich an fast nichts mehr erinnern, so oft wie ich diese Geschichte schon erzählt habe.

Ein nicht ganz einfacher Roman, den Daoud als Replik auf das Meisterwerk »Der Fremde« von Camus angelegt hat. Wer den Roman von Camus kennt, wird die Ohren spitzen, denn eine dem eingeschränkten und französischlastigen Blickwinkel Meursaults entgegengesetzte Sichtweise wäre als Gegendarstellung gerade heute gewinnbringend. In unserer turbulenten Zeit, 70 Jahre nach dem Tod des Arabers an einem Strand in der Nähe von Algier, schreibt Daouds Protagonist Haroun, der Bruder des Getöteten, seine Version des Mordes und gibt Einblick in seine Lebensgeschichte. Er will daran erinnern, dass damals nicht nur Meursault zum Tode verurteilt wurde, sondern dass die tragische Geschichte zwei Todesopfer forderte, wobei der Tod seines Bruders Moussa völlig verdrängt wurde und in Vergessenheit geraten ist.

Ich sag´s dir gleich: Der zweite Tote, der Ermordete, ist mein Bruder. Von ihm ist nichts mehr übrig. Es gibt niemanden mehr außer mir, der für ihn sprechen kann, während ich hier in dieser Bar sitze und auf das Beileid warte, das mir niemand jemals aussprechen wird.

Schreiben ist nicht der richtige Ausdruck, vielmehr wendet sich Haroun jeden Abend direkt an einen Zuhörer in einer Bar, der Alkohol löst seine Zunge. Dieser Zuhörer wird namentlich nicht genannt, sondern als Literaturkritiker angesprochen, manchmal scheint es ein Theaterbesucher zu sein, und er greift nicht ein einziges Mal in den Redefluss des Erzählers ein, der sieben Jahre alt war, als sein älterer Bruder im Sommer des Jahres 1942 erschossen wurde. Es ist davon auszugehen, dass der Zuhörer wechselt, dass es jeden Abend ein anderer Europäer ist, so dass Haroun immer wieder von vorne beginnt und viel wiederholt, um dann neue Aspekte des Geschehens hervorzuheben.

Haroun ist auf mehrfache Weise dem Mörder seines Bruders, Meursault, ähnlich. Beide stammen aus ärmlichen Verhältnissen, beide haben gravierende Probleme mit ihrer Mutter und der sie umgebenden islamischen Religion. Das macht beide zu sozial Ausgegrenzten, zu Randfiguren der Gesellschaft. Haroun ist insbesondere geprägt durch den Tod seines großen Bruders und entsetzt, als er 20 Jahre nach dessen Erscheinen Camus‘ Welterfolg liest und feststellen muss, dass sein Bruder darin keinen Namen erhalten hat und dort 25 Mal nur als Araber bezeichnet wird. Diese Namenlosigkeit beraubt ihn einer eigenen Identität und spiegelt das politische Verhältnis der französischen Kolonialherren in ihrer Kolonie Algerien wider. Haroun vergleicht dieses Missverhältnis mit dem eines Zuhälters zu seiner Hure – die Hauptstadt Algier liegt an der Küste und macht die Beine breit Richtung Meer, von wo aus die Franzosen in das Land eindringen und es ausbeuten.

Meursault hat seine Mutter in ein Altenheim gesteckt, er sieht sie kaum und kennt ihr genaues Alter nicht. Haroun hingegen lebt noch mit seiner Mutter und wird von ihr bevormundet und drangsaliert. Schon sein ganzes Leben lang leidet er unter ihr, die ihn beherrscht und von ihm das Äußerste abverlangt: er soll einen Fremden erschießen, um den Tod des Bruders zu rächen. Zumindest metaphorisch gesehen ist sie es, die seine Hand führt und ihn zum Schießen bringt, just am Tag der Unabhängigkeit Algeriens im Jahre 1962. Dieser Mord an dem Franzosen kommt aber ein paar Stunden zu spät, kann nicht mehr als Aufstand gegen die Kolonialherren deklariert werden, Haroun landet im Gefängnis. Sein Mord war genauso sinnlos wie der Mord seines Bruders Moussa, und so bringt er auch keinen Frieden in den Alltag der Überlebenden und schon gar nicht Erlösung, sondern nur eine momentane Genugtuung. Und hier ist man am Kern des Romans angekommen, hier ist seine Botschaft versteckt: Harouns Mord war genauso absurd wie Meursaults, keiner wird freier durch das Töten des anderen, die Situation bleibt mindestens so schlimm wie sie war.

Die Willkür von Moussas Tod war eine Zumutung. Und nun wurde meine Rache ebenfalls zu völliger Bedeutungslosigkeit verdammt.

Kamel Daoud setzt sich mit seinen Ausführungen zwischen die Fronten: Auf der einen Seite hasst Haroun die Kolonialherren, auf der anderen Seite beschimpft er seine algerischen Landsleute aufs Heftigste. Es seien Faulenzer und Diebe und Nichtsnutze, und zwei der Hauptsäulen der islamischen Welt werden auf Schärfste kritisiert oder negativ dargestellt: Die Familie ist kein Anker, sondern eine Dantesche Vorhölle, und Religion ist sehr negativ behaftet. Wird Daoud dadurch zum Nestbeschmutzer? In gewisser Weise wird ihm dies vorgeworfen, der pure Hass weht ihm jedoch wegen seiner radikaleren Kritik seiner Zeitungsartikel entgegen.

Daouds Romans ist nicht leicht zugänglich, dafür ist er zu mäandernd, lässt keine klare Struktur erkennen, springt zu sehr von einem Thema zum nächsten. Es ist keine stringente Erzählung, sondern eher eine Litanei, ein Stream of Consciousness eines alten Mannes, der nicht viel erreicht hat in seinem Leben. Das Thema indes ist äußerst wichtig, doch bedarf es einiger Anstrengung, es dem Roman zu entlocken. Da ist Camus sehr viel erfolgreicher gewesen, er hat einen Welterfolg vorgelegt und seinen Stoff, der Daouds Hauptthema des interkulturellen Konflikts nur streift, in ein literarisches Kleinod verwandelt. Daouds Roman ist einer von vielen, der von dem Aufeinanderprallen der Kulturen berichtet, doch gibt es zugänglichere. »Der Fall Meursault« ist leider keine Gegendarstellung, sondern eine Ergänzung, die den Leser jedoch nicht so weit bringt wie erhofft. Denn Harouns Bericht bleibt ein Versuch, seinem getöteten Bruder eine Gestalt, ein Gesicht, einen Namen und letztlich eine Identität zu geben. Diese Ziele kann er nicht erreichen und scheitert wie damals, als er nicht einmal des toten Körpers habhaft werden konnte, weil dieser nach dem Abtransport spurlos verschwand. Das Begräbnis fand statt ohne Leichnam, das Grab blieb leer. Es ist jedoch Daouds Verdienst, dass man »Der Fremde« von Camus (erneut) liest und dass man aktuell drängende Fragen der gesellschaftlichen Diskussion aussetzt, die so dringend notwendig ist, um die Gegenseiten zu erkennen und zu verstehen.

Der Fall Meursault
von Kamel Daoud

übersetzt von Claus Josten

208 Seiten, € 17,99
(gebunden)

ISBN 978-3462047981
erschienen bei Kiepenheuer & Witsch

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