Reinaldo Arenas: »Bevor es Nacht wird«

Im Winter 1987 dachte ich daran, zu sterben. Seit Monaten hatte ich furchtbares Fieber. Ich ging zum Arzt, und die Diagnose war Aids.

Schriftsteller, Konterrevolutionär, Dissident, Homosexueller – der Mann hinter »Bevor es Nacht wird« war all das, was im revolutionären Regime Kubas unter Fidel Castro keinen Platz hatte. Als »Asozialer« gelang ihm 1980 die Flucht; nachdem er jahrelang durch die Hölle gegangen war auf dieser Insel, von der es für niemanden ein Fortkommen gab, nahm er sich 1990 in New York mit einer Überdosis Tabletten und Alkohol das Leben. Die Ärzte hatten bei ihm Aids diagnostiziert.
Arenas‘ kurz vor seinem Selbstmord beendete Autobiografie ist eine Abrechnung mit dem Leben, die einen sprachlos macht. Er erzählt darin von seiner Jugend im Kreise der Großfamilie, von der Gewaltherrschaft Batistas und dessen Sturz, von seiner anfänglichen Begeisterung für die Politik Castros, von welcher er sich aber schnell wieder entfernte. Der Reihe nach schildert er wie ein alter Geschichtenerzähler sein offen homosexuelles Leben, die Monate im schlimmsten Gefängnis Kubas, den Tod seiner Freunde, Verrat und Misstrauen unter den Einwohnern, weil praktisch jeder ein Informant der Staatssicherheit sein konnte und die Menschen sich für ein Stück Brot oder eine Beförderung gegenseitig an den Pranger stellten.

Meine Kindheit war, glaube ich, unvergleichlich schön, weil sie sich im absoluten Elend, aber auch in absoluter Freiheit abspielte; im Wald, inmitten von Bäumen, Tieren, Gespenstern und Menschen, denen ich völlig gleichgültig war.

Es juckt mich zwar in den Fingern, einzelne Punkte an diesem Buch zu kritisieren, andererseits aber verbiete ich es mir selbst, denn was in diesen Seiten steckt, das ist ein Leben, in das Arenas all seine Kraft gesteckt hat. Ich glaube ihm die überirdisch vielen Sexabenteuer nicht, die er anscheinend mit jedem einzelnen männlichen Kubaner hatte. Ich komme irgendwann bei den Hunderten von Namen nicht mehr hinterher, die da Seite um Seite auf mich einprasseln – aber was macht das. Vielleicht ist das seine Art, sich von diesem Land loszusagen, indem er seinem Hass und/oder seiner Phantasie noch einmal den Stift in die Hand gibt.
Sicher ist all das nicht die ultimative Wirklichkeit, aber dafür ist er Schriftsteller. Und sicher ist seine Sicht hochgradig persönlich eingefärbt und auch nicht völlig vorurteilsfrei, aber dafür ist dieses Buch ja auch kein wissenschaftliches Manifest, sondern eine Autobiografie.
An Persönlichkeit jedenfalls fehlt es hier sicher nicht.

Ja, Mut ist eine Geisteskrankheit, aber von erhabener Größe.

Was mich besonders fasziniert, ist die Haltung, mit der Arenas all das erzählt: Es ist nicht hetzerisch und es erscheint ihm auch völlig unnötig, auf der menschenunwürdigen Brutalität dieser Zeit herumzureiten, denn die steht außer Frage. Er skizziert das alles ganz nüchtern, er ist stellenweise sogar urkomisch und bis auf die Zähne sarkastisch und beschreibt von einer beinahe schon distanzierten Position aus, die man nach einer solchen Odyssee, wie er sie erlebt hat, nicht für möglich halten würde; vor allem aber will er kein Mitleid, an diesem Buch ist rein gar nichts Verheultes. Es ist beachtenswert erschütternd und vor allem gnadenlos ehrlich.

Bevor es Nacht wird
von Reinaldo Arenas

400 Seiten, € 11,90
(broschiert / kartoniert)

ISBN 978-3423129862
erschienen bei dtv

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